,Luther-Dreieck‘ – Reudnitz (1)

Kaum zu glauben – im Leipziger Ortsteil Neustadt-Neuschönefeld gibt es an Kohlgartenstraße ein paar versteckte interessante Ecken. Zum Beispiel ein über 100 Jahre altes Häuser-Dreieck an der Lutherstraße, siehe Bild rechts.
Heute könnt Ihr dort im Gebiet zwischen Luther-, Konstantin- und Kohlgartenstraße insgesamt sieben Häuser entdecken. An einer Ecke fehlt ein Haus – darauf werde ich noch zu sprechen kommen.
Das Besondere ist, dass diese Häuser fast alle im Reform-Baustil gebaut worden – darauf werde ich auch noch zu sprechen kommen. Auch die Vorgängerbauten auf diesem Gebiet sollten nicht in Vergessenheit geraten. Eigentlich war die Kohlgartenstraße früher die Hauptstraße der Gemeinde Reudnitz – aber das wisst Ihr ja schon 😉
Wer etwas Interessantes lesen möchte, der folgt mir jetzt zu einer Geschichte rund um die drei Ecken an der Lutherstraße und worüber ich noch sprechen wollte …

Vorbemerkung: Die eingangs genannten Straßen befinden sich alle im Leipziger Osten, unweit der Eisenbahnstraße, siehe Stadtplan-Ausschnitt links. In diesem knapp gestalteten Stadtplan aus dem Jahr 1983 ist das Häuser-Dreieck gut auszumachen (und mit einem Pfeil von mir markiert).
Inzwischen habe ich eine Menge an Material über diese Gegend gesammelt. Das möchte ich in drei Teilen präsentieren, auch damit die Beitragslänge les- und zumutbar bleibt.
Im ersten Teil möchte ich kurz auf einen Teil der Reudnitzer Gemeinde-Geschichte zu sprechen kommen.
Genauer gesagt geht es im Zeitraum von 1860 bis etwa 1900
zunächst um …

1. Reudnitz im Umbruch (1)

Der Reudnitzer Orts-Chronist Otto Moser schrieb über die Veränderungen im Ort, die mit der industriellen und Bevölkerungsentwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts einhergingen:
,,Der landwirtschaftliche Charakter, welcher bisher Reudnitz noch immer innegewohnt hatte, schwand immer mehr. Es war nach und nach in seiner Erscheinung mit Leipzig thatsächlich eins geworden. Ihre Straßenzüge und Häuserviertel grenzten an einander und gingen in einander über und großartige Fabrikanlagen, zuerst mit die Eisengießerei von Götjes, Bergmann & Comp., und … solche von ganz spcifischem Leipziger Gepräge, wie Buchhandlungen, Buchdruckereien, Notendruckereien, photographische und lithographische Anstalten, hatten sich in Reudnitz angesiedelt.“ [Quelle #1]
Die Maschinenfabrik von Goetjes, Bergmann & Comp. beschäftigte auf ihrem Firmengelände an der Kohlgartenstraße im Jahr 1862 bereits über 200 Arbeiter [Quelle Blog Industrie-Adel] und die Kunstanstalt von Payne auf des Fläche des früheren Großen Kuchengartens (ebenfalls) an der Kohlgartenstraße gehörte bereits im Jahr 1864 mit 195 graphische Arbeiter zu den größten polygraphischen Betrieben der Leipziger Umgebung. [Quelle #2]

Zur Einstimmung in die örtliche Situation im nordwestlichen Zipfel des Leipziger Vorortes Reudnitz habe ich auf der rechten Seite eine Lageskizze eingefügt. Die Flur-, Gebäude- und verkehrstechnischen Angaben habe ich mithilfe eines Katasterplans aus dem Jahr 1863 eingefügt.
Was ist darauf Interessantes zu sehen?
Im oberen Teil ist das Flüßchen Rietzschke zu sehen, unten verläuft die Kohlgartenstraße als Reudnitzer Dorfstraße und dazwischen gibt es in der fruchtbaren Rietzschke-Talaue ein paar Kohlgärtner-Bauerngüter. Und nicht zu vergessen: schräg über die Kohlgartenstraße und durch die Felder verläuft die Eisenbahn-Trasse der (ersten) Verbindungsbahn zwischen dem Bayerischen Bahnhof und den Nordbahnhöfen Leipzigs. ,,WH“ bezeichnet ein späteres Bahnwärterhäuschen an der Kohlgartenstraße [Quelle #3]
Die annähernde Lage des späteren Luther-Dreiecks habe ich hier auf der Skizze mit roten Linien eingerahmt. Zum Flächeninhalt zählten damals die Bauerngüter der Flurstücke 24, 29, 30 und ein Teil des Flurstücks 23.

Weitere Anmerkungen:

  • neben den bereits genannten Flurstücken 23, 24, 29 und 30 gehörten auch die Flurstücke 20, 25 und 26 im Jahr 1863 dem Fabrikanten und Gutsherren Constantin Schulze [Quelle #4],
  • auf den Teilstücken 20 a und c läßt sich Constantin Schulze im Jahr 1859 ein Gartenhaus ,,Villa Schulze“ (Kohlgartenstr. Nr. 154) bauen [Blog Konstantin],
  • die Flurstücke 29 und 30 gehörten im Jahr 1864 dem Fabrikanten Hermann Goetjes, der darauf seine ,,Villa Goetjes“ (Kohlgartenstr. Nr. 156) errichten ließ [Blog Industrie-Adel] und
  • auf dem Flurstück 150 befand sich bis zum Ende des Jahres 1862 der legendäre ,,Große Kuchengarten“ von Reudnitz, danach wird der Kaffee und Kuchen-Ausschank eingestellt und das Gelände wird von der Payneschen Kunstanstalt genutzt. [Blog Ode …]

Mitte der 1860er Jahre verschwinden hier die alten Gutsgebäude, es entstehen …

2. neue Villen an der Kohlgartenstraße

Der Stadtgeschichts-Forscher Paul Benndorf schreibt dazu:
,,Die Anlage einer Straße, die Reudnitz und Neuschönefeld verbinden sollte, erforderte im Jahr 1865 den Abbruch der Gutsgebäude. Es betraf als Straßenflucht das Flurstück 23, … während er Flurstück 24, worauf Wirtschaftsgebäude und Stallungen sich befunden hatten, am 24. September 1867 an Konrad Reiter verkaufte. Derselbe vererbte es seinem Sohne Hermann Richard Reiter, der es am 28. März 1890 übernahm.“ [Quelle #5]

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Auszüge aus LAB 1870 (links) und 1865 (rechts)

Aus der Fläche zwischen der Kohlgartenstraße, der Trasse der Verbindungsbahn und einer neuen Straße ergibt sich somit ein Dreieck. Darauf entstehen bald und nebeneinander die Villen der Fabrikbesitzer Konrad Reiter (Kohlgartenstraße Nr. 155) und Hermann Goetjes (Nr. 156). Nebenbei bemerkt bezieht ab 1873 Carl Wilhelm Bergmann das Nachbargebäude, die frühere Villa Schulze, dann natürlich ,,Villa Bergmann“ (Nr. 154) benannt.
Rechts auf der Lageskizze habe ich versucht, die Bebauungs-Situation Ende des Gebiets zu Ende der 1880er Jahre darzustellen. Darauf ist auch die im Jahr 1880 für den Fabrikanten Wilmar Schwabe errichtete ,,Villa Schwabe“ eingefügt, die heute als einziger Zeuge der Fabrikanten-Villen an der Kohlgartenstraße übrig geblieben ist.
Die Verbindungsbahn fuhr im Jahr 1878 letztmalig über das Gleis an der Kohlgartenstraße. Deren Gleistrasse wurde anschließend im Bereich zwischen der (damaligen) Tauchaer Str. und der Kohlgartenstr. in eine Verkehrsstraße umgestaltet. Ab dem Jahr 1884 gibt es dort die heutige Lutherstraße.

Die Besitzverhältnisse und Nummerierungen der Häuser und Flurstücke des späteren Luther-Dreiecks bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:

Wie aus der Tabelle ersichtlich wurde in den Jahren 1870 und 1895 die Nummerierung der Häuser in der Kohlgartenstraße geändert.
Ab dem Jahr 1874 wurden die Häuser in der Kohlgartenstraße, beginnend auf der linken Seite von der Tauchaer Straße aus (Ortsgrenze zu Leipzig und heute: Rosa-Luxemburg-Str.) fortlaufend bis zur Chaussee Straße (heute: Dresdner Str.)und auf der rechten Seite zurück bis zur Langen Straße durchnummeriert.
Ab dem Jahr 1895 erfolgte die heute noch übliche wechselseitige Haus-Nummerierung: links die ungeraden, rechts die geraden Hausnummern.
Und interessanterweise wurde das Gebäude der früheren ,,Villa Reiter“ab dem Jahr 1900 straßenmäßig unter der Constantinstr. 2/4 zugeordnet. Das Gebäude gehörte zu diesem Zeitpunkt dem Fabrikbesitzer Friedrich Emanuel Worlitzer. Ihm gehörte u.a. auch die Farbenfabrik von Berger & Wirth. in Schönefeld.
Übrigens wurden auch die Flurnummern ab dem Jahr 1870 geändert. Die Flurnummern 604 und 605 haben heute noch ihre Gültigkeit.

Wie es mit diesen beiden Grundstücken der Flurnummern 604 und 605 weitergeht, darüber soll im zweite Teil der Geschichte um das Luther-Dreieck berichtet werden …


Literatur- und Quellenverzeichnis:

Blog-Verweise
Kohlgartenstraße No. 154, vom Dezember 2020,
über den Industrie-Adel von Reudnitz, vom Mai 2020,
Vergessenes an der Konstantinstraße, vom Januar 2020,
Wer war Konstantin? vom August 2019 und
Ode an die Brot- und Kuchenbäcker zu Reudnitz, vom Januar 2017.

Quellen

  • Quelle #1:   Otto Moser: Chronik von Reudnitz, Druck und Verlag Max Hoffmann, Leipzig-Reudnitz, 1890, S.89f zur Geschichte von Reudnitz
  • Quelle #2: Schriften des Zentralinstituts für Geschichte, Bände 56-57, Akademie der Wissenschaften der DDR. Zentralinstitut für Geschichte, Akademie-Verlag, 1974, S. 41
  • Quelle #3: Stadtarchiv Leipzig, Flurkarte Reudnitz 1863 (als Vorlage): StAL VermA / Flurkarten, Reudnitz Nr. 18 (Blatt 1)
  • Quelle #4: Staatsarchiv Sachsen, Nr. AG Leipzig 9353 (Gerichtsamt Leipzig): Nachlassregulierung für den Gutsbesitzer Carl Dionys Constantin Schulze in Reudnitz, 1865 bis1873
  • Quelle #5: Paul Benndorf: Zwei vergessene Leipziger Goethestätten, Verlag H. Haessler Leipzig, 1922, Seiten 14 bis 15 über das Hahnemann’sche Gut bzw. das Wohnhaus Kohlgartenstr. 29
  • Quelle #6:   Leipziger Adressbücher, online (SLUB) über Suche Leipzig bzw. Reudnitz (Leipzig)
  • Quelle #7: Andreas Höhnemann: Recherchen in alten Leipziger und Reudnitzer Adressbüchern

Kartenausschnitte aus GooglEarth,

Eigenes
alte Stadtpläne, Skizzen alter Karten vom Leipziger Osten aus meinem Archiv

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