,Luther-Dreieck‘ – Reudnitz (2)

Eine besondere interessante Ecke im Leipziger Osten ist zweifelsohne das ,,Luther-Dreieck“. Entdecken kann man es aus der Luft wie hier im Bild rechts, per Fuß zwischen der Luther-, Konstantin- und Kohlgartenstraße oder hier im Blog in einer dreiteiligen Geschichte.
Im ersten Teil ging es um repräsentative Fabrikanten-Villen, die vor 150 Jahren hier entstanden waren. Um 1905 wurden die Fläche erneut umgestaltet. Um diese acht neuen Gebäude soll es in diesem zweiten Beitrag gehen.
Dabei werde ich auch auf die Architekten, den Reform-Baustil und soweit erfahrbar und bildlich nachweisbar, auf das frühere Gebäude-Ensemble zu sprechen kommen.
Wer mal etwas Interessantes über den Leipziger Osten lesen möchte, der folgt mir jetzt zu einer Geschichte rund um die drei Ecken an der Lutherstraße …

Ihr werdet einwenden:
Drei Ecken – das ist wohl etwas übertrieben!
Es gibt ja heute nur noch zwei Häuserecken in diesem Straßendreieck; denn die Ecke zwischen Konstantin- und Kohlgartenstraße ist ja (momentan) nicht bebaut. Und zum zweiten – was heißt hier Luther-Dreieck? Hat die Bebauung etwas mit dem Reformator Martin Luther zu tun?
Zugegeben, nein – es geht hier nicht um das reformatorische Werk von Martin Luther, sondern um die Bebauung dieses Häuserdreiecks zwischen Luther-, Konstantin- und Kohlgartenstraße, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Reformbaustil erfolgte.
Aber, dazu komme ich gleich noch …

3. Reudnitz im Umbruch (2)

Im Zeitraum von 1864, als diese Geschichte begann, bis zum Jahr 1905, an dem ich sie jetzt fortsetzen möchte, sind die früheren Vororte im Leipziger Osten nahezu vollständig bebaut worden. Die Einwohnerzahlen haben sich um ein Vielfaches vergrößert wie man nachfolgender Tabelle insbesondere für die Ostvororte Volkmarsdorf und Reudnitz entnehmen kann. Im genannten Zeitraum sind sogar neue Gemeinden wie Neustadt entstanden, die inzwischen selbst Einwohnerzahlen mittlerer Kleinstädte erreicht haben.

[Quellen #1 und #2]

Reudnitz hatte in den reichlich vierzig Jahren von 1864 bis 1905 seine Bevölkerung um fast das Neunfache vergrößert. Da ist es nicht verwunderlich, dass nun auch der bebaubare Raum eng und wertvoll wurde.
Das galt auch für die beiden dreigeschossigen ehemaligen Fabrikanten-Villen an der Kohlgartenstraße, die jeweils nur 4 bis 5 Wohnungen und ein unbebautes Park-Hinterland zu bieten hatten. Beide Villen sind auf dem folgenden Stadtplan-Ausschnitt (links) mit dem Bebauungsstand Juli 1902 noch gut zu erkennen.

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Plan von Leipzig (Ausschnitte) Stand Juli 1902 / Juli 1907

Das änderte sich um das Jahr 1905, als zuerst das Gebäude Kohlgartenstr. 31 (die frühere Villa Goetjes mit der Flurbuch-Nr. 604) und anschließend auch das Nachbargebäude (die frühere Villa Reiter mit der Flurbuch-Nr. 605) abgerissen wurden.
Auf dem Stadtplan-Ausschnitt (oben rechts) ist in nur fünf Jahren später das gesamte gelb markierte Gebiet mit 68 Wohnungen in acht fünfgeschossigen Häusern bereits vollständig neu bebaut.

4. Neubebauung im Luther-Dreieck

Zum Grundstück der ehemaligen Villa Reiter schreibt der Historiker Paul Benndorf:
,,Am 31. Dezember 1897 wurde der Kaufmann Emil Friedrich Worlitzer durch Kauf Eigentümer, und am 18. Januar 1906 kam es an Karl Hermann Kutscher und August Grohmann. Das villenartige Wohnhaus wurde abgetragen und das ganze Flurstück in fünf Baustellen aufgeteilt und bebaut. Das an der Ecke der Kohlgartenstraße und Konstantinstraße gelegene Flurstück 605c, als Stelle des ehemaligen Gutsgebäudes, bekamen durch Kauf Richard Eduard Klein und Eduard Rothe am 4. Mai 1906.“ [Quelle #3]
Nach mir vorliegenden Unterlagen wurden beide Flurstücke Nr. 604 und 605 wie in nachfolgender Tabelle beschrieben parzelliert, verkauft und anschließend neu bebaut:

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[Quellen #2, #3, #4]

Ich vermute, dass zuerst die beiden Häuser an der Konstantinstraße entstanden sind und gemäß der mir zugänglichen Bauakten danach die Bebauung der Häuser Kohlgartenstraße 31a und b noch im Jahr 1906 erfolgte. In den Jahren 1906/07 entstanden die benachbarten Gebäude Kohlgartenstraße 29 und 31. Als letztes wurden die Gebäude in der Lutherstr Nr. 24 und etwas später die Nr. 26 gebaut.
Auf den folgenden Abbildungen ist die ursprüngliche Straßenfront der Bebauung zur Kohlgartenstraße zu sehen:
– links die Bauskizzen vom große Eckhaus zur Konstantinstraße, die Kohlgartenstr. 29, daneben anschließend die Nr. 31 und
– rechts ein Foto mit dem Eckgrundstück Kohlgartenstr. 31b zur Lutherstr. und links davon das Gebäude Kohlgartenstr 31a. In der Lutherstr. (rechts entlang) ist hinten bereits das Haus Nr. 24 bereits zu sehen, während am Bauplatz der Nr. 26 (Straßenmitte) noch der Bauzaun zu sehen ist. [Quelle #5].

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Kohlgartenstr. 29 (Ecke Konstantinstr.) mit Nr. 31 und Kohlgartenstr 31a und b an der Ecke zur Lutherstr.

Zur Freigabe als Wohnraum liegt mir ein interessantes Schriftstück (Beschluss) des Baupolizeiamtes A der Stadt Leipzig
vom 13. Oktober 1906 vor. Darin heißt es unter anderem:
Herrn Walter Michel, Konditor in Leipzig Reudnitz [Bauherr Kohlgartenstr. 31, siehe oben]
[ist] … zu eröffnen, daß nach erfolgter Schlußprüfung des viergeschossigen Vorderwohngebäudes auf seinem Grundstück an der Kohlgartenstraße in Leipzig-Reudnitz Brdv.-Kat. Nr. 84 Abt. B, die Ingebrauchnahme … widerruflich schon von jetzt an
gestattet wird, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Wohnungen vor dem 1. Juli 1907 nicht tapeziert … werden.“

Schön in amtliche Worte verkleidet werden die Wohnungen in diesem Haus über Winter bereits zum ,,Trocken-Wohnen“ freigegeben – tapeziert werden darf erst nach der Austrocknung ab Juli 1907.

Bis auf das Haus Konstantinstraße 2 wurden alle Häuser im sogenannten Reformstil konzipiert und gebaut. Die heute noch erhaltenen Gebäude vom Luther-Dreieck stehen alle auf der aktuellen Liste sächsischer Kulturdenkmäler. [Quelle #6]
Deshalb noch ein paar Worte zur Reformarchitektur und einem interessanten Architekten.

Exkurs: Reformarchitektur
Das Wort Reformation stammt aus dem lateinischen und bedeutet übersetzt in etwa Umgestaltung, im Sinne von Erneuerung und Verbesserung.
Reformarchitektur
, ,,auch Reformstil oder Reformbaukunst, ist ein um die Jahrtausendwende aufgebrachter Begriff für einen Teil der Architekturströmungen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts vom Historismus abwandten, aber an traditionellen Baumaterialien und Bauweisen festhielten. Darin unterschied sich diese wesentlich von der im Deutschen Werkbund propagierten Richtung des Neuen Bauens, das ebenfalls sachliche und schlichte Formen bevorzugte. Wegen des Rückgriffs auf regionale Traditionen lässt sich ein großer Teil der Reformarchitektur zugerechneten Bauten auch mit dem schon länger bekannten Begriff Heimatschutzarchitektur, auch Heimatarchitektur, bezeichnen. Andere Bauten zeigen aber auch Einflüsse des Jugendstils.“ [Quelle #7]

Exkurs: Architekt A. Herold
Die drei Gebäude im Flurstück Nr. 604 wurden durch den Architekten Arno Herold entworfen und gebaut. Inwiefern er auch Einfluss auf das übrige Baugeschehen im Luther-Dreieck hatte, kann nur vermutet werden. Ich sag mal vorsichtig ,,ja“, das könnte gut möglich sein.
Arno Herold heißt laut dem historischen deutschen Architektenregister mit vollem Namen Arno Max Robert Herold. Er wurde am 17.12.1871 in Leipzig geboren, war zuerst als Baumeister und Architekt bei der Preußischen Landwehr I, später im privaten Architekturbüro, ab 1913 gemeinsam mit seinem Bruder Felix tätig, war Mitglied im DWB, BDA, VLA (in den 20er Jahren Vorsitzender des Vereins Leipziger Architekten). [Quellen #2 und #8]
Im Leipziger Kalender des Jahres 1908 wird Arno (Arthur?) Herold auch im Zusammenhang mit der Bebauung an der Kohlgartenstraße im Leipziger Osten erwähnt:
,,In der Reihe der Architekten, die sich entschieden für heimische Bauweise erklärt haben, steht auch Arthur Herold, obgleich seine Barockmotive süddeutscher Herkunft sind und deswegen ist auch das Schaffen Herolds freudig zu begrüßen, zumal in seinem letzten Werke, dem Wohnhaus zu Lindenau Ecke Demmering- und Odermann Straße gegenüber den zuerst geschaffenen Wohnhäusern in der Kohlgartenstraße Nr. 31a und 31b eine deutliche Abwendung von süddeutschen Erinnerungen zu erkennen ist.“ [Quelle #9]

Zugaben

  • Zwei Bilder von der Kohlgartenstraße: Ansichtskarte mit der Häuserecke Konstantin-/ Kohlgartenstr. vom Ende der 1920er Jahre und Foto von der Häuserecke Kohlgarten-/ Lutherstr. aus dem Jahr 1943:
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links: Konstantin-/Ecke Kohlgartenstr. Ende der 1920er Jahre – rechts: Kohlgarten-/Ecke Lutherstr. ~1943
  • Reklameanzeigen aus Handel und Gewerbe rings ums Luther-Dreieck aus den Jahren 1910 bis 1939:

Wie es mit diesen Grundstücken im Luther-Dreieck weitergegangen ist und wie es vor Ort heute aussieht, darüber möchte ich im dritten Teil der Geschichte in einem kleinen virtuellen Rundgang berichten …

Literatur- und Quellenverzeichnis:

Eigenes
Gebäudefotos, Skizzen alter Gebäude, alte Leipziger Stadtpläne und Karten vom Leipziger Osten aus meinem Archiv

Blog-Verweise
Reudnitzer Industrie-Adel (1), vom Juni 2020,
Vergessenes an der Konstantinstraße, vom Januar 2020 und
Wer war Konstantin? vom August 2019

Quellen

  • Quelle #1:   Zeitschrift des Königlich Sächsischen Statistischen Landesamtes 51(1905), Landesamt [Dresden],
    S. 59: Die Einwohnerzahlen der Landgemeinden von 1834 bis 1900Leipziger Adressbücher, online (SLUB) über Suche Leipzig
  • Quelle #2:   Leipziger Adressbücher der Jahre 1905 bis 1925, online über SLUB Dresden
  • Quelle #3: Paul Benndorf: Zwei vergessene Leipziger Goethestätten, Verlag H. Haessler Leipzig, 1922, Seiten 14 bis 15 über das Hahnemann’sche Gut bzw. das Wohnhaus Kohlgartenstr. 29
  • Quelle #4: Stadtarchiv Leipzig, baupolizeiliche Akten zu den Häusern Kohlgartenstr. 29 (BauAkt 8932) und 31 (BauAkt 8934)
  • Quelle #5: Gebäudefoto Kohlgartenstr. 31b, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Mediathek S0001356, mit freundlicher Genehmigung
  • Quelle #6:   Liste der Kulturdenkmale in Neustadt-Neuschönefeld – Wikipedia
  • Quelle #7:   Wikipedia-Eintrag zur Reformarchitektur
  • Quelle #8: Historisches Architektenregister: Herold, A., online und im Stadtarchiv Leipzig, Bürgerakte AAH Nr. 2635
  • Quelle #9: Leipziger Kalender 1908, Verlag Georg Merseburger Leipzig Erscheinungsjahr 1908, S. 216 zu A. Herold

persönliche Informationen

Andreas Hönemann: vielen Dank für die Rechereche-Unterstützung im Bereich Anzeigen und Reklame im Luther-Dreieck
Rainer H.: seine Großeltern wohnten von 1939 bis 1976 in der Kohlgartenstraße 31b und dort war er als Kind oft zu Besuch.
Danke für das Bild vom Haus aus dem Jahr 1943 und dessen Nutzung!

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