Turner-Mädels voran!

Kürzlich habe ich eine interessante , schon etwas verblichene und vermutlich alte Ansichtskarte vom Leipziger Osten bekommen. Unten am Kartenrand steht eine No. 30 – es scheint da eine ganze Serie gegeben zu haben. Und auf der Rückseite steht als kleine Notitz: Tauchaer Str. / Ecke Wissmannstr.

Eine Demo?

Nein, ich denke eher, dass die Turnerinnen und Turner zielstrebig irgendwo hinmarschieren.

Vielleicht kann ich das hier etwas aufklären …

1. der Ort

Wo könnte das gewesen sein? Weil es heute im Leipziger Osten weder eine Tauchaer Straße noch eine Wissmannstraße gibt, hab ich in meinem alten ,Plan von Leipzig‘ aus Eduard Gaeblers geographischem Institut Leipzig-Neustadt aus den 1920er Jahren kurz nachgeschaut:
– damals hieß die heutige Rosa-Luxemburg Str. – Tauchaer Str. und
– die Schulze-Delitzsch-Str. hieß – Wissmannstr.
Mit dieser Info und meinem Fotoapparat bin ich in der letzten Woche im Leipziger Osten auf die ,Pirsch‘ gegangen, um nach einem passenden Straßenabschnitt von der alten Ansichtskarte (Bild unten, links) zu suchen.
Auf dem Bild habe ich ein paar rote Rahmen markiert, zu denen ich weiter unten im Text noch ein paar Details beschreibe.

 
Vergleichsbild: alte Ansichtskarte / Situationsbild Luxemburgstr., aktuell

Und – gefunden! – das Bild auf der rechten Seite zeigt den heutigen Straßenabschnitt mit den Häusern von der Ansichtskarte.
Von rechts nach links sind das (heute) die Häuser: Rosa-Luxemburg-Str. 60, die Häuser-Hoflücke, dann die 62 und an der Ecke zur Schulze-Delitzsch-Str. die 64. Auf der Ansichtskarte sind ganz links oben noch ein paar Häuser (Wissmannstr. 1 und Neustädter Str. 44) zu erkennen, aber da steht am heutigen Lutherplatz nichts mehr.

2. der Anlass

Ich vermute, dass der Anlass zu diesem Turner-Aufmarsch über den Rahmen eines regionalen Festes hinaus ging. Vor 1945 gab es in Leipzig drei große Deutsche Turnfeste:
– das 3. Allgemeine Deutsche Turnfest im Jahr 1863,
– das 12. Deutsche Turnfest im Jahr 1913 und
– das 1. Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest im Jahr 1922. [Quelle #1]
Eine kurze Überlegung zeigt, dass das Jahr 1863 nicht in Betracht kommt, da gab es auf dem Neustädter Areal noch keine Wohnbebauung. Das Jahr 1913 könnte zutreffen, aber da durften Frauen noch nicht an den Turnfesten aktiv teilnehmen.
Bleibt das Jahr 1922 – und das passt: nach dem 1. Weltkrieg durften in Deutschland auch Frauen offiziell in Turnvereinen mitturnen und auch an Wettkämpfen teilnehmen. Daher jetzt zum …

Arbeiter-Turn- und Sportfest 1922 in Leipzig

Vom 22. bis 25. Juli 1922 fand in Leipzig das 1. Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest mit etwa 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Ausrichter war der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), ein deutscher Sportverband der 1919 aus dem Arbeiterturnerbund hervorgegangen war. Das Logo des Verbandes (Bild rechts) zeigt die miteinander verschlungenen Buchstaben ,F-F-S-T‘ für ,,frisch, frei, stark und treu“.
Der Turnergruß des ATSB lautete damals: ,,Frei Heil!“ [Quelle #2]

Zum Programm dieses Turn- und Sportfests zählten auch Vereinssportarten wie Fußball und Wassersport und einige der Übungen waren sogar extra auf die Arbeiter zugeschnitten. So gab es etwa das Hammerschwingen, bei welchem jeder Teilnehmer gymnastikartig einen großen Vorschlaghammer umherwirbelte. Ein großer Festzug war für Sonntag, den 24. Juli 1922 vom Augustusplatz ab geplant und ein Extra-Festzug der Turn-Kinder war für den Dienstag, mittags um 1 Uhr vorgesehen, mit der Maßgabe: ,,Sämtliche Kinder barfuß bei günstigem Wetter.“ [Quelle #3]

Die Leipziger Volkszeitung berichtet über den großen Festzug am Sonntag, den 24. Juli 1922 wie folgt [Quelle #5]:

Der Abmarsch auf der alten Ansichtskarte muss so etwa um 10 Uhr statt gefunden haben, um den nach der Festordnung vorgesehenen Aufstellungsplatz für die Turnerinnen und Turner der Stadtgruppen Ost und Nord am Kickerlingsberg um 11 Uhr zu erreichen. Von dort aus ging es über den Augustusplatz schließlich zum Festplatz am heutigen Alten Messegelände.

Im Folgenden mehr zu den Turnerinnen, Turnern und den erwähnten Lokalitäten.

3. der Turnverein

Woher stammen die Turnerinnen und Turner auf der alten Ansichtskarte?
Sie könnten vom Turnverein zu Leipzig-Neustadt stammen, der hier gleich um die Ecke sein Stamm-Quartier in der (damaligen) Wissmannstraße hatte. Der Neustädter Turnverein wurde am 7. März 1876 unter dem Namen Turnverein zu Schönefeld, Neuer Anbau gegründet. Damals war das aufstrebende Wohngebiet an der Eisenbahnstrecke nach Dresden ja noch ein Ableger von Schönefeld. Ab dem Jahr 1881 wurde daraus der Turnverein zu Neustadt bei Leipzig und ab 1890 mit der Eingemeindung zu Leipzig der Turnverein zu Leipzig-Neustadt. Das Vereins-Logo ist oben rechts zu sehen.

Zurück zur Turner-Ansichtskarte – dort ist auf den Trikots der Damen in den Teilvergrößerungen (Bilder unten links und noch deutlicher rechts) ein ,,TV“ im Kreis erkennen. Ein Vergleich mit dem Vereins-Logo des Neustädter Turnvereins weist auf eine weitestgehende Übereinstimmung hin!
Daher gehe ich davon aus, dass es sich wirklich um die Turnerinnen und Turner aus Leipzig-Neustadt gehandelt hatte.

Turner-Mädels voran!

 
Detailbilder von der alten Ansichtskarte mit Vereinsfahne und Logo auf den Trikots

Auf dem linken Bild ist auch der Fahnenträger mit der Vereinsfahne und einem Teil eines Vereins-Wahlspruchs zu sehen, der mit ,,Treu am B…“ beginnt. Leider hab ich bisher keine Idee wie’s im Spruch weitergehen könnte – kann da jemand aushelfen?

Der Turnplatz und ab 1890 die Turnhalle des Turnvereins zu Neustadt (siehe auch Beitrag zu den Gemeindegrundstücken) befanden sich in der früheren Allee- bzw. Wissmannstr. 13. Im Stadtplan-Ausschnitt (1919) rechts sind die betreffenden Häuser zu sehen. Na, das passt doch exakt zum Aufmarschbild eines Turnvereins zu Neustadt auf der Ansichtskarte. Zusätzlich habe auf dem Karten-Ausschnitt rechts auch den fiktiven Kamera-Blickwinkel mit eingezeichnet.

Laut Eintrag im Adressbuch (LAB) des Jahres 1920 fand im Turnverein damals eine rege Vereinsarbeit statt [Quelle #4]:

Wissmannstr. Turnplan:

  • Dienstag u. Freitag abends von 8 – 9 3/4 Uhr Riegenturnen d. Erwachsenen.
  • Donnerstag abends von 8 1/2 – 10 Uhr Turmen der Altersriege.
  • Donnerst. abends von 8 1/2 – 10 Uhr Turnen der Vorturnerschaft.
  • Sonntags vorm. 10 – 12 Uhr Freiturn. d. Erwachsenen.
  • Mittwoch 8 1/2 – 9 3/4 Uhr Turnen der Damenabteilung.
  • Montag u. Donnerstag 5 1/2 – 6 1/2 Uhr Mädchenturnen.
  • Dienst. u. Freitag 5 1/2 – 6 1/2 Uhr Knabenturnen.
    Vors.: A. Hauske, Volkmarsdorf, Ludwigstr. Nr. 97.

Der Turnverein wurde wie viele andere in Deutschland im Dezember 1945 mit der alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 23 aufgelöst.

4. ,,Sportler-Lokalitäten“

Laut Festprogramm war unter den Standquartieren und Kommerslokalen
im Leipziger Osten auch der Neustädter Gasthof in der Kirchstraße [auf der heutigen Kita-Fläche an der Liebmannstr.] mit aufgeführt. [Quelle #3]

Darüber hinaus wurden in der Leipziger Volkszeitung im Leipziger Osten während der Sportfestzeit folgende Lokale besonders für ,,Turn- und Sportgenossen“, ,,Freund des Sports“ bzw. zum ,,öffentlichen Turnerball“ besonders empfohlen [Quelle #5]:

Nahezu hundert Jahre später wird man diese Lokale im Leipziger Osten vergeblich suchen. Auf Neuschönefelder Gebiet wurden die betreffenden Gebäude inzwischen alle abgebrochen, das trifft auch den ,,(Kleinen) Kuchengarten“ in Anger-Crottendorf zu. Nur das Gebäude vom ,,Papser“[heute: Liebmannstr. 85] steht noch, allerdings ohne Gaststättenbetrieb, siehe auch ,,Ein Prost auf den Papser“ aus dem Jahr 2018.

4. Detail am Rande

Rechts auf der Turner-Ansichtskarte ist noch ein bemerkenswertes Detail zu sehen.
Im Bild unten links habe ich diesen Ausschnitt vergrößert: ein ,,Photograph“ mit einer unförmig großen und sicher auch schweren Kamera (!)
In der mittleren Skizze habe ich versucht ein paar Maße abzunehmen. Demnach war das eigentliche Kameragehäuse würfelförmig mit einem Kantenmaß von etwa 20 cm und hatte einen etwa 20 bis 25 cm hohen Kamera-Aufsatz. Was könnte das für ein Kamera-Typ gewesen sein?

ein Photograph mit einer tragbaren Kassetten-Kamera einschl. Spiegel-Aufsatz

Ein Blick in alte Foto- und kaufmännische Literatur zeigt, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Mentor Klapp-Reflex-Kamera der renommierten Dresdner Firma Goltz & Breutmann aus dem Jahr 1913 gehandelt hat, solch ein Kameratyp ist im Bild rechts oben zu sehen.
Mit so einer Kamera konnten bis zu sechs Metallkassetten mit Foto-Glasplatten der Abmessung 9 x 12 cm belichtet werden. Vom Prinzip her handelte es sich um eine zusammenlegbare Spiegelreflexkamera mit Schlitzverschluss und unveränderlichem Auszug mit Unendlich-Einstellung. Ohne Objektiv und Kassetten kostete das damals etwa 180 Mark (heute wird auf Auktionen bis 500 Euro dafür geboten!) [Quelle #6].
Trotz etwas unförmigen Äußeren und dem großen aufgesetzten Lichtschacht offenbar ein sehr mobiles Gerät.

Alle Achtung, ein solcher ,,Photograph“ hatte damals einen schweren Job (mit über 2,5 kg Gerät und Ausrüstung) zu erledigen! Da wurde sicher noch über jedes Fotodetail intensiv nachgedacht – bevor ,,abgedrückt“ wurde.


Literatur- und Quellenverzeichnis

Ausschnitt aus einem Plan von Leipzig aus dem Jahr 1919, eigenes Archiv

Quelle #1: Deutsches Turnfest, online: wikipedia

Quelle #2: Leipzig Geschichte, Leipzig – und die Deutschen Turnfeste, online: https://city-tourist.de/city-tourist.de-Leipzig-Geschichte_Turnfeste.htm

Quelle #3: Festprogramm zum ersten deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfest, Leipzig, 22. bis 25. Juli 1922, online: Friedrich-Ebert-Stiftung

Quelle #4: Leipziger Adreß-Bücher (LAB) der Jahrgänge 1901 bis 1922, online: SLUB

Quelle #5: Leipziger Volkszeitungen 22. bis 25. Juli 1922, online: SLUB

Quelle #6: Kamerafabrik Goltz & Breutmann (Dresden), online: Dresdner-Kameras und wikipedia, Mentor Kamerafabrik

Stadtpläne, Karten, Fotos aus eigenem Archiv

Turner-Ansichtskarte ,,No. 30″, freundlicherweise von Frank Heinrich zur Verfügung gestellt – vielen Dank für die Nutzung!

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