Reudnitzer Industrie-Adel (1)

Die heute fast vergessene Maschinenfabrik von Goetjes, Bergmann & Co (später Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik) aus dem Leipziger Osten ist aus meiner Sicht ein wichtiger Zeuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die für Leipzig prägend war. Über ihr Entstehen, die Bedeutung und den Niedergang dieser Firma möchte ich im Folgenden berichten.
Und was es in diesem Zusammenhang mit dem nebenstehenden Foto auf sich hat …

Goetjes, Bergmann & Co,
Maschinenfabrik

Im Jahr 1858 wurde die Firma von Hermann Goetjes (Götjes) und Carl Wilhelm Bergmann unter dem Namen Goetjes, Bergmann & Comp. als Fabrik für landwirthschaftliche Maschinen, Eisengiesserei und Kesselschmiede gegründet [Quelle #1].

Eine erste Anzeige zur Maschinenbauanstalt aus dem Jahr 1862 habe ich in einer Ausgabe der Illustrirten Zeitung vom Samstag, den 29. März 1862 auf der Seite 6 entdeckt:

,,Die Maschinenbauanstalt von Bergmann u. Co zu Reudnitz bei Leipzig hat nach Vollendung der tausendsten großen Dreschmaschine und zwar innerhalb dreier Jahre ihren 200 Arbeitern am 15. März ein solennes Fest im leipziger Schützenhause gegeben.“

1863 erfolgte der erste Eintrag der Firma in der Ausgabe des Leipziger Adreß-Buchs (LAB) für das Jahr 1864. Die Firma wurde unter der Adresse in der Reudnitzer Grenzgasse (später Grenzstraße) aufgeführt, siehe Anzeige links.

ab 1864 erfolgte im LAB der Eintrag mit der Anschrift: Reudnitz Kohlgartenstraße, oben: Eintrag rechts. Die damalige Hausnummerierung in der Kohlgartenstraße mit der Nr. 151 bzw. 156 entspricht der späteren Nummerierung mit Nr. 10 und 15 (siehe auch weiter unten im Text).

In einer Samstags-Ausgabe der Illustrirten Zeitung vom August 1864 heißt es in einem werbewirksamen Text über eine innovative Neuentwicklung der Firma Goetjes, Bergmann u. Comp.:

,,- Eine Mähe-Maschine neuer Construction, aus der Fabrik von Goetjes, Bergmann u. Comp. in Reudnitz bei Leipzig hervorgegangen, hat am 30. Juli auf einem hiesigen Roggenfelde ihre Probe mit dem besten Erfolge bestanden. Die sehr einfache Maschine, die außer dem Pferdelenker keine Bedienung bedurfte, mähte in einer halben Stunde einen magdeburger Morgen ab, raffte das Getreide auf und legte es gleichmäßig zur Seite. Die zahlreichen Zuschauer waren über die Leistung der Maschine erstaunt, die 24 Morgen in einem Tag abmähen und die Arbeit von 9 Sensen ersetzen kann.“

In diesem Zeitraum, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, erfasste die industrielle Revolution in Deutschland nach allem, was mit der Eisenbahn zu tun hatte, auch zunehmend die landwirtschaftlichen Bereiche und deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass Goetjes, Bergmann & Co im Juli des Jahres 1865 für hervorragende Leistungen mit der goldenen Medaille des Königs Johann von Sachsen ausgezeichnet wurden:

Was wurde da alles produziert und wie kann man sich das in Etwa vorstellen? Dazu habe ich in der folgenden Bilder-Galerie ein paar Anzeigen der Firma Goetjes, Bergmann & Co aus verschiedenen Zeitungen der Jahre 1868 bis 1877 ausgewählt, die meistens landwirtschaftliche Maschinen zeigen:

1872 wird Goetjes,Bergmann & Co. in eine Actien-Gesellschaft unter dem Namen Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik und Eisengießerei mit einem Stammkapital von 900.000 Thalern, in Aktien á 100 Thalern überführt. Die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft vollzog sich mithilfe der im gleichen Jahr gegründeten Leipziger Diskonto-Gesellschaft und war in den ersten Jahren zunächst erfolgreich.

In der Zeitschrift Der Berggeist wurde zum ersten Geschäftsjahr der neuen Reudnitzer Aktiengesellschaft folgendes berichtet: [Quelle #2]

,,Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik und Eisengiesserei (vorm. Götjes u. Bergmann). Der Vorstand hat seinen ersten Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr vom 1. October 1872 bis 30. Sept. 1873 veröffentlicht. Die Production erreichte in dieser Periode einen Werthsbetrag von 962,277 Thlr. 20 Ngr. und im I. Quartal des laufenden Geschäftsjahres stellt sich dasselbe auf 242,761 Thlr. 17 Ngr., was gegen das Vorjahr ein Plus von 29,184 Thlr. ergibt.

An Maschinen wurden im ersten Geschäftsjahre 1870 Dreschmaschinen mit Göpel, 315 Häckselmaschinen, 234 Mähmaschinen, 65 Locomobilen, 45 Dampfdreschmaschinen, 65 Reinigungsmaschinen, 45 Runkelschneidemaschinen und überdies noch eine größerer Anzahl der verschiedenartigsten landwirthschaftlichen Maschinen hergestellt.

Der Reingewinn beträgt 122,540 Thlr. 22 Ngr.“

Kurz gesagt: das Geschäft lief gut und die Beschäftigtenzahlen stiegen.
Im Jahr 1875 werden für die Firma an der Kohlgartenstraße bis zu 600 Arbeiter angegeben [Quelle #1]. Damit wird die Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik und Eisengießerei in diesem Zeitabschnitt zur größten Maschinenfabrik Leipzigs. [Quelle #3].

Auf der folgenden Karten-Skizze habe ich die Firmengebäude im Areal zwischen der Kohlgartenstraße und der damaligen Verbindungsbahn (spätere Lutherstraße) eingezeichnet. Rot hinterlegt sind die Gebäude der Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik und Eisengießerei, vormals Goetjes, Bergmann & Co mit dem Stand 1879/80.

Zu den Fabrikgebäuden kommen natürlich noch die ebenfalls Rot gekennzeichneten Wohnhäuser (Villen) der Fabrikbesitzer Götjes und Bergmann:

  • Villa Bergmann, Kohlgartenstr. 13 und
  • Villa Götjes, Kohlgartenstr. 15, beide natürlich standesgemäß mit Remise (seitliches Gebäude mit Kutscherwohnung) im herrschaftlichen Gartenbereich.

Aber, die Freude der neuen Aktionäre währte nicht lange, bereits im Jahr 1875 war der Aktienwert von 100 auf nur noch 20 Thaler gesunken und in den Folgejahren 1876 und 1877 konnte keine Dividende mehr ausgezahlt werden. Im Mai des Jahres 1878 wurde auf einer außerordentlichen Gesellschafter-Versammlung bereits erstmals über eine Liquidation der Aktiengesellschaft abgestimmt.

Im Handelsregister des LAB läßt sich die Liquidation der Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik über die Jahre von 1879 bis 1883 nachverfolgen.

In der Folge wurde das gesamte Areal an Nachfolgefirmen verkauft, unter anderen an die Firmen Bachmann & Reiter, die Firma Kaiser & Reimelt, aber auch mehrere kleinere Firmen. Von der eigentlichen Firma scheint nichts mehr geblieben zu sein, oder?

Erinnerung

In einer Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung aus dem Jahr 1878 habe ich kürzlich einen interessanten Artikel über ,,Das neue botanische Institut der Universität zu Leipzig“ gelesen [Quelle # 4].

Darin geht es um das im Zeitraum von Juli 1876 bis Dezember 1877 neu errichtete Institutsgebäude und die neu zu errichtenden Glashäuser im heutigen Bereich des Botanischen Gartens an der Linnéstr. im Südosten Leipzigs. Im Text heißt es unter anderem:

,, … die Pläne zu den Gebäuden wurden durch den Architekten Herrn G. Müller entworfen, die Ausführung des Baues erfolgte unter der technischen Oberleitung der Architekten G. Müller und Pommer durch das Universitätsrentamt, die gesamten Eisenarbeiten für die Glashäuser wurden von der Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik, vormals Götjes, Bergmann und Comp., die Heizungsanlage durch Herrn Ingenieur H. Rösicke in Berlin ausgeführt.“

Das ist ja interessant: hier wird die Maschinenfabrik von Goetjes, Bergmann & Co. direkt angesprochen. Was ist aus diesen Gewächshäusern geworden – kann man da noch was sehen? Ein Besuch im Botanischen Garten zeigt aber, dass die alten, hier genannten alten Gewächshäuser im Jahr 1998 abgerissen und heute nicht mehr zu sehen sind – bis auf ein kleines kegelförmiges Victoriahaus, im folgenden Bild links.

Victoriahaus im Botanischen Garten Leipzig, rechts mit der historischen Eisenkonstruktion.

,,Von den heute nur noch fünf im Original erhaltenen Victoriahäusern ist dieses das drittälteste überhaupt und das Einzige in Deutschland.
In seiner wesentlichen Substanz besteht das sanierte Victoriahaus noch weitgehend aus dem Jahr 1876 und stellt eine architektonische Besonderheit dar.“
[Quelle #5]

Dieses Victoriahaus wurde aufwändig saniert und ist seit dem Jahr 2018 wieder in Nutzung. Auf dem rechten Bild ist die alte Eisenkonstruktion der Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik und Eisengießerei von Götjes, Bergmann & Co. zu sehen – ein Zeuge der Leipziger Industriekultur!

Nachtrag (vom 11. September 2020)

Im Juli 2020 habe ich interessante Zuschriften von Heike R. aus Baden-Württemberg erhalten, einer Ur-Ur-Ur-Enkelin von Hermann Goetjes, der die Maschinenfabrik Goetjes, Bergmann & Co. mitgegründet hatte.

1. zu ihrem Urahnen Hermann Goetjes hat sie aus den Familien-Unterlagen folgendes ergänzt:
,,Hermann Goetjes wurde am 2. Februar 1820 in Isselburg (Nordrheinwestfalen) geboren und starb am 21. August 1882 in Reudnitz bei Leipzig.
Noch in Isselburg heiratete er zunächst 1842 in Herdecke Luise Theodore Moll. Am 6.5.1842 wurde seine erster Sohn Johannes Wilhelmus Goetjes  geboren. Sein zweiter Sohn Louis Adolf Goetjes wurde dann am 15.9.1848 in Reudnitz geboren. In späteren Leipziger Adressbüchern (ab 1889) wird als Witwe eine Minna Goetjes (Maria Dorothea Wilhelmine) von Hermann Goetjes genannt. Wann Hermann Goetjes diese Minna geheiratet hat, geht aus den Familienunterlagen nicht hervor.‘‘Vielen Dank an Heike R. für die Informationen und die Erlaubnis, diese hier anzufügen.
[ste – Aus den Einträgen der Leipziger Adressbücher kann vermutet werden, dass Minna Goetjes im Jahr 1893 verstorben ist.]

2. und zu seinem Sohn Louis Adolf Goetjes gibt es auch ein paar interessante Hinweise:
,,Louis Adolf Goetjes (von Beruf Opernsänger) heiratete am 1.3.1873 Alwine Hulda Bergmann. Im Ahnenpass steht als Vater von Alwine Hulda Bergmann: Kommerzienrat Karl Wilhelm Bergmann, das war der Mitinhaber der Firma (ab 1872 Leipzig-Reudnitzer Maschinenfabrik), gest. 27.1.1884.
Ein Sohn von ihm, Arnold Goetjes (Prokurist), lebte um 1913 ebenfalls mit seiner neugegründeten Familie in Leipzig, in der Brockhausstraße 34 in Schleußig. Noch im selben Jahr wurde dieser Familie in Leipzig-Schleußig ein Sohn (K.-H. Goetjes) geboren. Danach wohnten sie noch in der Rochlitzer Straße 17 (Schleußig). Alwine Goetjes wohnte inzwischen in der Metzerstr. 2. Nach dem Tod seiner Mutter zog Arnold Goetjes mit seiner Familie nach Berlin. Ab 1920 tauchen keine Goetjes mehr in Leipzig auf.“

Vielen Dank an Heike R. für die Informationen und die Erlaubnis, diese hier anzufügen.


Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Leipziger Adreß-Bücher 1867 bis 1883 mit Anzeigen-Bereich, Namensregister und Handelsregister aus der SLUB

Illustrirte Zeitung, Leipzig und Berlin, Ausschnitte aus verschiedenen Zeitungen der Jahrgänge 1862 bis 1877 aus dem MDZ München (Münchener DigitalisierungsZentrum)

Leipziger Karten und Pläne aus den östlichen Vororten, Detail-Skizzen dazu aus eigenem Archiv

Quellen

  • Quelle #1: Officialler Bericht über die Sächsische Gewerbe- und Industrie-Ausstellung zu Dresden 1875, Verlag Baumgärtner’s Buchhandlung, Leipzig 1875
  • Quelle #2: Der Berggeist, Zeitung für Berg-, Hüttenwesen und Industrie, XIX. Jg, No 22, März 1874
  • Quelle #3: Kapitalsbewegung und Rentabilität der Leipziger Aktiengesellschaften, Richard Steinert, O. Wigand, 1912
  • Quelle #4: Wissenschftliche Beilage der Leipziger Zeitung, vom 28. März 1878, Seite 145/46, siehe auch Illustrirte Zeitung No. 1819 vom 11. Mai 1878, S. 376
  • Quelle #5: Universität Leipzig, Botanischer Garten Leipzig, Das Victoriahaus, online: https://www.bota.uni-leipzig.de/das-victoriahaus/

Vielen Dank an Andreas Hönemann für die Unterstützung bei der Recherche des Themas Reudnitzer Industrie-Adel.

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