alte Wege in Neuschönefeld

In der aktuellen Ortsteil-Bezeichnung Leipzig-Neustadt-Neuschönefeld kommt auch der Ortsname Neuschönefeld vor. Dabei ist der ursprüngliche Ort Neuschönefeld von der Fläche her aber nur ein kleiner Bestandteil – wie rechts in der Lageskizze zu sehen ist.
Wer erinnert sich heute schon noch an Neuschönefeld?
Da ist fast nichts übrig geblieben: etwa 10 Prozent von der bebauten Fläche, nur wenige wirklich alte Häuser und auch nur noch wenige Zeitzeugen.
Ja, sogar von den sage und schreibe dreiunddreißig verschiedenen Straßennamen sind heute nur noch ganze neun übrig geblieben. Das Thema mit den Straßen möchte ich im Folgenden mal etwas genauer betrachten …

Heute gibt es im alten Neuschönefeld, südlich der Eisenbahnstraße zwischen der Melanchthon- und der Hermann-Liebmann-Straße, noch neun Straßen, die zum früheren Gemeindegebiet von Neuschönefeld gerechnet werden könnten. Zwei habe ich bereits genannt, da kommen mit der Eisenbahn-, Jonas-, Konstantin-, Konrad-,Lorenz-, Neustädter Straße und der Straße mit dem Namen Rabet noch sieben dazu und wenn man’s genau nimmt noch ein Otto-Runki-Platz und der Rabet-Park als jüngste Flächenbezeichnung.
Ich habe diese Straßen, den Platz und den Park hier unten, links in einer aktuellen Lageskizze eingezeichnet

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Im ersten Flurbuch der im Jahr 1845 gegründeten Gemeinde Neuschönefeld wird im Jahr 1849 auch auf die damals bestehenden Straße Bezug genommen. Sie werden dort in einem gesonderten Abschnitt c) Wege aufgeführt [Quelle #1]. In meiner Lageskizze (oben, rechts) und in der folgenden Tabelle habe ich die jeweiligen Wege-/ Straßennamen geordnet nach den im Neuschönefelder Flurbuch angegebenen Parzellen-Nummern angegeben:

Besonders interessant finde ich, dass die heutige Eisenbahnstraße offenbar in Bezug zu einem damaligen kleinen Hügel ursprünglich als Bergstraße benannt wurde. In alten Ausgaben der Leipziger Zeitung aus diesem Zeitraum sind auch Anzeigen mit der Angabe Bergstraße, Neuschönefeld zu finden. Ab Ende der 1840er Jahre wird in Neuschönefeld zunehmend die Straßenbezeichnung Eisenbahnstraße genutzt.
Einen guten Einblick in die historische Entwicklung von Neuschönefeld erhält man auch durch ein kleines Buch, dass der frühere Gemeindevorsteher von Neuschönefeld, Moritz Weißbach, im Jahr 1890 herausgegeben hat [Quelle #2].

Einen guten Einblick in die kleinteiligen Bebauungsdichte und den Verlauf der Grenzen der Gemeinde Neuschönefeld kann man dem Leipziger Stadtplan aus dem Jahr 1908 entnehmen, siehe folgendes Bild unten.
Das Flüßchen Rietzschke wurde im Zeitraum um das Jahr 1890 überwölbt und friste seitdem seinen Verlauf als Abwassersammler Ost der Stadt Leipzig.

Im westlichen Teil von Neuschönefeld wurde das Gelände der Harkort’schen Villa parzelliert. Dort entstanden zwei weitere Straßen: die Melanchthon- und die Gustav-Harkort-Straße. Letztere wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Jonasstraße umbenannt.
Umbenannt wurden in der Zeit nach der Eingemeindung zur Stadt Leipzig im Jahr 1890 auch sämtliche Straßen, die nach den Kindern des früheren Stadtrats Carl Lampe benannt worden waren. Die Konradstraße wurde von Volkmarsdorf um den Teil der früheren Sophienstraße erweitert.

Ruinen standen neben schwer beschädigten und kaum noch vermietbaren Häusern, als wir im Jahr 1975 hier in der Neuschönefelder Melchiorstraße unsere erste Wohnung bezogen haben. Das war, ohne Keller, Bad und WC, auch kaum noch als Wohnraum zu bezeichnen.
Weil Baukapazitäten und -Material äußerst knapp waren, war auch an eine Sanierung dieses Gebiets der Leipziger Ostvorstadt nicht zu denken. Hier unten in der Skizze auf der linken Seite habe ich versucht die damalige Straßenstruktur Neuschönefelds in vereinfachter Form darzustellen:

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Neuschönefeld vor und nach dem Flächenabriss 1975 / 1978

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in dieser Gegend drei Straßenumbenennungen: die Ernst-Thälmann-Straße, die Hermann-Liebmann-Straße und die Otto-Runki-Straße.

Ab dem Jahr 1976 kam es im Leipziger Stadtteil Neuschönefeld zu umfangreichen Flächenabrissen, siehe Bild oben, rechts. Auf historische Gebäude wurde und konnte dabei keine Rücksicht genommen werden. Im Kerngebiet entstand eine gegenüber den Ausgangs-Planungsunterlagen vereinfachte Park-Gestaltung.
Ein Vergleich der hier gezeigten Straßenskizzen zeigt, dass ein Großteil der alten Siedlungsstruktur heute nicht mehr sichtbar sind, dass viele der früheren Straßen im Bereich des Rabet-Parks aufgegangen sind und deren Straßenverläufe heute nicht mehr sichtbar sind.

Zu den oben genannten Straßennamen bzw. -Umbenennungen könnt Ihr nach Bedarf auch im Straßenverzeichnis der Stadt Leipzig nachlesen [Quelle #3].


Literatur- und Quellenverzeichnis

Fotos, Skizzen und Stadtplan aus dem Jahr 1908 aus eigenem Archiv.

Nutzung verschiedener Leipziger Adressbücher aus dem digitalen Bestand der SLUB Dresden

Quelle #1: Flurbuch über Neuschönefeld vom 28. März 1849 und Nachträge, Stadtarchiv Leipzig, VerA/ Flurbücher, Signaturen 1145 und 1146

Quelle #2: Geschichte der Gemeinde Neuschönefeld, 1890, Abschnitt VII zu Straßen- und Verbindungswesen. online SLUB Dresden

Quelle #3: Straßenverzeichnis der Stadt Leipzig mit Erläuterungen, online

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