Kaputte Fragmente

… an der Klinkerfassade des ehemaligen Fabrikgebäudes an der Ecke Konrad-/ Hermann-Liebmann-Straße Nr. 67.
Ist Euch das auch schon aufgefallen? Etwa zwanzig der sonst so robusten Klinkersteine sind beschädigt, siehe Bildausschnitt rechts.

Zum zweiten möchte ich einer kleinen Geschichte nachgehen, die sich heute, am 18. April – vor 77 Jahren, im Frühjahr 1945, hier an der Ecke abgespielt hat.

Ein Zufall – oder gibt es da einen möglichen Zusammenhang?

Diesen Fragen möchte ich heute Abend um 18 Uhr hier im Folgendem nachgehen …

Zur Lage im April 1945

Der 18. April 1945 war ein Mittwoch und in Leipzig erschien an diesem Tag die letzte Ausgabe der Leipziger Neuesten Nachrichten.
Darin wurde noch von abgewehrten Anglo-Amerikanern bei Kämpfen im Mitteldeutschen Raum berichtet.
Wie war die Lage wirklich? Da half auch im Leipziger Osten nur: aus dem Fenster schauen …

An diesem Tag hatten die US-Truppen mit der 2. und 69. Infanteriedivision, von Westen und Süden her kommend, Leipzig eingekreist. Im Leipziger Osten waren das 272. und 273. Infanterieregiment zur Mittagszeit bereits bis Liebertwolkwitz und Engelsdorf vorgestoßen und um 13 Uhr war etwa die Linie vom Leipziger Güterring bis nach Thekla erreicht worden.
Wohl gemerkt: von Osten kommend!

Aus einer älteren Leipziger Volkszeitung habe ich dazu einen kleinen Plan kopiert, der das militärische Tagesgeschehen so in etwa zeigt:

Gegen 15 Uhr bis 15:30 Uhr hatten die US-Truppen die Eisenbahn-Unterführung in Sellerhausen passiert und die Infanterie rückte mit Panzer-Unterstützung auf der Eisenbahnstraße und parallel dazu auf der Wurzner Straße in Richtung Stadtzentrum vor, hier im Plan rot eingezeichnet.

An der Kreuzung Eisenbahn-/ Torgauer Straße kam es zu einem kurzen Feuergefecht, nach dem sich der Truppen-Verband in eine nördliche Kolonne, die direkt über die weiß beflaggte Eisenbahntrasse in Richtung Stadtzentrum vorstieß und eine südliche Kolonne, die zuerst ein Stück in die Torgauer Straße einbog und dann in die Konradstraße einschwenkte.
Beide Kompagnie-Kolonnen erreichten etwa um 18 Uhr den Bereich der Kreuzung zur Alfred-Kindler-Straße [heute: Hermann-Liebmann-Straße].
Nach authentischen Kriegsberichten stießen die amerikanischen Soldaten auf ein Phänomen, dass sie fast überall in der Stadt antreffen: die Bevölkerung schien die Kämpfe wie ein öffentliches Schauspiel zu betrachten. Selbst plötzlich einsetzende Feuergefechte beeindruckte sie nur wenig.
In der History des 272. Infanterieregiments heißt es: „Ständig säumten Zivilisten ungeachtet des herumfliegenden Stahls die Straßen und verteilten sich nur, wenn die Kanonen der Panzer sprachen.“ [Quelle Steinecke]

Nach dem Erreichen der Kreuzung Konradstraße/Kindlerstraße durch die Südkolonne fielen Schüsse aus dem Gebäude Konradstraße 36-38, der Firma Karl Wirth Automobile, gegenüber der Gaststätte „Helgoland“. Sofort nahmen die zwei Panzer und die Infanteris­ten das Gebäude unter Beschuss.

Hier rechts im Bild habe ich versucht diese Szene kurz zu skizzieren: ein Panzer und die Soldaten stehen auf der Volkmarsdorfer Seite der Konradstraße etwa vor der früheren Gaststätte ,,Helgoland“ und nehmen das Eckgebäude an der Konrad-/ Kindlerstraße unter Beschuss. Dabei könnte auch das Eckfenster in der ersten Etage unter Beschuss geraten sein – vielleicht hatte sich der Schütze dort verschanzt, um einen guten Rundumblick zu haben …?

Anschließend waren Infanteristen in das Gebäude der Firma Karl Wirth vorgedrungen und hatten den Schützen gefangen genommen. [Quelle Steinecke]

Um 19 Uhr wurde der Vormarsch fortgesetzt und nach einem kurzen Gefecht am Friedrich-List-Platz mit Hitlerjungen und der Wehrmacht, die sich im Keller des Gebäudes verschanzt hatten, konnten die Truppen schnell in Richtung Hauptbahnhof weitermarschieren, den sie gegen 20 Uhr erreichten.
An diesem Tag war in Leipzig der Zweite Weltkrieg jedenfalls zu Ende. [Quelle Steinecke, Möller]

Zur Lage im April 2022

Zurück zu den Beschädigungen in der Klinkerfassade am Eckgrundstück der heutigen Hermann-Liebmann-Str. 67.

Bereits im Bericht vom Verwaltungsausschuss zur Sanierung des Eckgebäudes ,,Alte Wagenhalle“ aus dem Jahr 2009 wurde folgendes zum Fassadenzustand des Gebäudes festgestellt:

,,Von besonderem denkmalpflegerischem Wert sind die verbliebenen Fassadenflächen zur Hermann-Liebmann-Straße und zur Konradstraße. Die Zierelemente weisen durchweg starke Beschädigungen auf, sind jedoch rekonstruierbar.

Hier dazu zwei Fotos, die den Zustand und die Schäden im Jahr 1987 (links) und im heutigen Zustand (rechts) zeigen:

_
Eckgebäude der alten Maschinenfabrik Konrad-/ Liebmannstr. 1987 / 2022

Klickt doch mal das linke Bild an, dann könnt Ihr eine Vergrößerung der Putz- und Mauerwerksschäden sehen, die ich in einem Oval eingekreist habe.
Könnte diese Schäden nicht von einem Schussfeld stammen? Zusätzlich sind, besonders auf der älteren Aufnahme aus dem Jahr 1987, viele punktuelle Schäden auch im Putzbereich zu sehen, die durchaus durch Einschüsse entstanden sein könnten.

Soweit meine Theorie zum Geschehen vom 18. April 1945 und zu möglicherweise noch heute, 77 Jahre später, sichtbaren Spuren.

Was meint Ihr dazu?


Quellenangaben

eigene Skizze und Fotos aus den Jahren 2016 und aktuell (2022)

Lageplan vom April 1945 aus der Leipziger Volkszeitung

# Bericht der Stadt Leipzig, Verwaltungsausschuss, 67. Sitzung, am 02.09.2009, mit dem Bau- und Finanzierungsbeschluss für die Sanierung „Alte Wagenhalle“, Hermann-Liebmann-Str. 67/ Konradstraße, einer außerplanmäßigen Ausgabe sowie einer außerplanmäßigen VE in der Haushaltstelle 1.621.940.182/9, 5.5 Drucksache Nr. IV/4388, online hier erreichbar

folgende Bücher habe ich zum Thema entdeckt, gelesen und hier im Text sinngemäß interpretiert:

# Gerhard Steinecke: Drei Tage im April, Kriegsende in Leipzig, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2005

# Jürgen Möller: Die letzte Schlacht, Leipzig 1945, Verlag Rockstuhl, 2014

persönliche Mitteilungen

Bert Hähne hat mir aus dem Fundus von Geheimtipp Leipzig ein Foto vom Eckgebäude mit Zustand Mitte der 1980er Jahre zur Verfügung gestellt. Daraus habe ich den schadhaften Bereich an der Ecke über der Eingangstür vergrößert.

3 Gedanken zu “Kaputte Fragmente

  1. Ich bin zwar kein Experte für Einschläge von Geschossen in Mauerwerk, aber Ihre Beweisführung ist schlüssig, so dass man mit gutem Gewissen davon ausgehen kann, dass es sich um noch erhaltene Spuren von Kampfhandlungen am Ende des zweiten Weltkrieges handelt. Die Infanteristen rückten ja oft gemeinsam mit Panzern vor, allerdings hätte eine Panzergranate wohl größere Schäden verursacht. Vermutlich handelt es sich um Einschläge von Schüssen aus den Handfeuerwaffen der Soldaten oder der Maschinengewehre des Panzers.
    Ich bilde mir auch ein, dass es noch bis in die siebziger Jahre hinein Fassaden mit Einschusslöchern gegeben hat, aber wo? Vielleicht fällt mir das irgendwann wieder ein.

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  2. Mir erscheint die Beweisführung auch schlüssig, zumal das Feuergefecht an der besagten Kreuzung ja dokumentiert ist. Die Amerikaner waren damals auch in Schönefeld, wahrscheinlich kommend aus Richtung Volkmardorf. Aus eigner Beobachtung weiß ich, daß die Fassaden der 30er-Jahre-Häuser an der Kreuzung Clara-Wieck-Straße / Zittauer Straße nahe der 21. POS noch bis zum Ende der DDR-Zeiten Einschußlöcher aufwiesen.

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