drei Mohren (2)

Im ersten Teil der Geschichten um die Gastwirtschaft ,,zu den drei Mohren“ in Anger ging es um die historischen Wurzeln des alten Gutes, den Namen und eine erste kurze Zeitungsschau zur Gastwirtschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Im zweiten Teil soll es um weitere Geschichten rund um das alte Kohlgarten-Grundstück an der Breiten Straße gehen:
# ein tragisches Liebespaar,
# die Gastwirtschaft und
# ein paar Nachfolger-Aspekte bis in die heutige Zeit, siehe auch Bild rechts.

Das wird wieder recht interessant, folgt mir doch einfach wieder in die Geschichte …

Und da möchte ich nach den Wurzel-, Namens- und Zeitungs-Geschichten diesmal fortfahren mit einer …

Liebes-Geschichte,
ohne Happy End für
Gustav und Auguste
– aber … doch folgenreich.

Anzeige aus dem Leipziger Tageblatt
vom Sonntag, den 15. August 1847:

Dieser Sonntag war laut offiziellem Leipziger Wetterbericht ein richtig schöner Sommertag: morgens mit Sonne bei 23 Grad und am Nachmittag bis zu 30 Grad mit ein paar Wolken und leichtem Wind aus Nordost. Eigentlich ließ sich alles an dem Tag gut an.

In der Gegend zwischen Volkmarsdorf und Sellerhausen lebte auch ein junges Liebespaar Gustav Heinrich Wilhelm (19) und Johanne Auguste Abicht (17), ich nenne sie hier der Geschichte kurz Gustav und Auguste. Gustav war ein nachgelassener Sohn des Schmiedemeisters Carl Gottlieb Wilhelm aus Zäveritz bei Mügeln [nachgelassen bedeutet, dass sein Vater verstorben war, er war Halbwaise] und Auguste war die Tochter des Brodbäckers Heinrich Christian Abicht aus den Straßenhäusern bei Volkmarsdorf, gleich um die Ecke. Die Tragik war, dass beide kein regelmäßiges eigenes Einkommen hatten und deshalb weder heiraten noch einen eigenen Hausstand gründen konnten. Beide wussten natürlich, dass ihr Liebesverhältnis unter keinem guten Stern stand – aber, was tun? Sie hatten nur sich beide …

Am Abend trafen sich auch Gustav und Auguste zum Tanz auf den Drei Mohren in Anger.
Auguste in ihrer gewöhnlichen Hauskleidung. Sie tanzten bis in den Montagmorgen hinein. Gegen 1 Uhr haben sie den Saal der Drei Mohren bei sternenklarer Nacht über den Feldweg durch die Kohlgärten in Richtung Sellerhausen verlassen.

Am nächsten Vormittag wurden beide tot am Rande dieses Feldwegs gefunden. Dort lagen die beiden Körper dicht nebeneinander auf dem Erdboden lang ausgestreckt. Sie lagen auf dem Rücken, Auguste auf der rechten Seite, mit der Kopf an einem Gebüsch. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde das Mädchen von August erschossen und dann tötete er sich selbst. [frei nach Quelle #1]

Beiden war es aber nicht einmal vergönnt im Tode vereint begraben zu werden. Auf dem Friedhof in Schönefeld durfte nur Auguste begraben werden, Gustav wurde als Mörder eingestuft und durfte daher nicht auf dem Friedhof bestattet werden.
Kein „Happy End“ – nicht mal im Tod! Eine tragische, aber selbst damals erschreckende Geschichte, die sogar in der Züricher Freitags-Zeitung am 9. September 1847 in einer kurzen Nachricht erwähnt wurde, Artikel siehe unten links [Quelle #2].

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Diesen Zeitungsartikel hatte auch der Schriftsteller Gottfried Keller gelesen. Er wohnte damals in Zürich und hat die Nachricht sinngemäß in seiner Novelle ,,Romeo und Julia auf dem Dorfe“ verarbeitet, die schließlich im Jahr 1874 veröffentlicht wurde.
So ist ein Teil dieser kleinen unerfüllten tragischen Liebesgeschichte aus dem Leipziger Osten, zwischen Sellerhausen, den Volkmarsdorfer Straßenhäusern und dem Dorf Anger, in die Literatur eingegangen.
Sie wurde sogar mehrfach verfilmt, auch in der BRD und von der DEFA in der DDR. Das rechts abgebildete Filmplakat hat nichts mit Plenzdorfs Kultfilm ,,Paul und Paula“ zu tun, es stammt von der DEFA-Verfilmung von Romeo und Julia aus dem Jahr 1983.

Anmerkungen:
# Die in dem Artikel in der Züricher Zeitung erwähnte ,,Wirtschaft, wo sich arme Leute vergnügen“ war die Gastwirtschaft drei Mohren in Anger,
# beim angegebenen Fußweg nach Sellerhausen handelte es sich sehr wahrscheinlich um die Kleine Grüne Gasse und
# diese tragische Liebesgeschichte hat damals eine ganze Zeit gebraucht, um in die Zeitung zu kommen – interessanterweise ist dieser Artikel zuerst in der Züricher und erst 14 Tage später in der Leipziger Presse erschienen.

Nach diesem Ausflug zu Tragödie, Literatur und Film jetzt aber zurück zu Haus und Hof der Drei Mohren und den …

Gastwirtschafts-Geschichten –
ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
und einem Neubeginn
bis zur Schließung.

Der Gasthof Drei Mohren wechselte im 19. Jahrhundert häufig den Gastwirt. Zur Zeit der oben geschilderten Geschichte von Gustav und Auguste war Herr Starcke, ab dem Jahr 1849 übernahm Friedrich Debisch den Gasthof wie in der folgenden Anzeige aus dem Leipziger Tageblatt vom Januar 1949 zu entnehmen ist.

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Anzeigen aus dem Leipziger Tageblatt und Anzeiger (1849 / 1853)

Im Jahr 1853 erfolgte ein weiterer Wechsel: Friedrich Rudolph, der Wirt der Drei Lilien in Reudnitz (damals Kohlgartenstr. 177, aus heutiger Sicht: an der Ecke Kohlgarten-/ Bergstr.), übernahm die Drei Mohren in Anger, siehe Anzeige oben rechts. Mit seiner gastronomischen Erfahrung war er für die folgenden 18 Jahre natürlich ein Gewinn für die Drei Mohren. Im April des Jahres 1870 verkaufte er den Gasthof an Gottfried Seifert, siehe folgende Anzeige aus dem Leipziger Tageblatt:

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Rechts habe ich eine interessante Zeichnung vom Eingangsbereich der Drei Mohren aus dem Skizzenbuch von Georg Drescher (vom November 1887) eingefügt. Darauf ist der Eingangsbereich mit Blick von der Hauptstraße von Anger (heute Breite Straße) auf die alte Bebauung des Gasthauses Drei Mohren und den Hofbereich zu sehen [Quelle #3]. Gottfried Seifert hat im Zeitraum ab 1870 den Gasthof und seinen Vergnügungsbetrieb immer mehr ausgebaut. Bald fanden neben Musik- und Konzertveranstaltungen auch Theateraufführungen, Maskenbälle, Vereinsveranstaltungen und -feiern, Reitveranstaltungen und sogar Ballonaufstiege statt – ganz dem Zeitgeist und der nahen wachsenden Großstadt Leipzig entsprechend.

Ein großer Umbau der Gebäude auf dem ursprünglichen Grundstück der Drei Mohren erfolgte im Jahr 1888, die Neueröffnung fand am 21. Oktober 1888 statt.
Auf den folgenden Abbildungen habe ich versucht, die Struktur der neu auf- und umgebauten Gebäude des Grundstücks darzustellen.

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Gebäudestruktur Hauptstr. 7/ Bild-Ausschnitte aus einer Ansichtskarte

# Skizze links: Ausschnitt vom Plan der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1903, mit eingefügten Grundrissen des neuen Vordergebäudes mit kleinem Saal und Übergang zum großem Saal im Hofbereich.
# auf der rechten Seite: Eintrag aus dem Leipziger Adressbuch 1890 zur Hauptstraße 7 [heute: Breite Str.] und zur Illustration Ansichten vom Vorderhaus und den Sälen im Hinter und Seitengebäude der Drei Mohren.

Ab dem 15. Dezember 1889 übernahm Friedrich (Fritz) Hof das bewirtschaftete Restaurant. Ihm folgte im März 1894 Andreas Franz, der vorher die Leipziger Restauration zum Schwarzen Rad, Brühl 11, geführt hatte.
Er empfahl besonders ,,für Vereine, Cooperationen und Gesellschaften[die] beiden Säle, staubfreien Garten, Kegelbahn etc. etc. zur Abhaltung von Feierlichkeiten.
Für gut gepflegte Weine, ff. Biere, Dölnitzer Gose, anerkannt gute Küche zu civilen Preisen ist bestens gesorgt.“

Im Jahr 1902 hat Gottfried Seifert die Drei Mohren von Andreas Franz wieder übernommen. Ich bin mir an dieser Stelle aber nicht ganz sicher, warum er das im Alter von 65 Jahren getan hat. Ich vermute, dass gesundheitliche Gründe eine Rolle gespielt haben könnten. Zum Anfang des Jahres 1907 wird auch ein Friedrich (Fritz) Wilhelm Seifert im Zusammenhang mit einer Weihnachtsfeier vom Bürgerverein Leipzig-Ostvorstadt genannt.
Nach dem Tod vom Senior-Gastwirt Gottfried Seifert im Februar 1908 übernahm laut Leipziger Adresssbuch ab dem Jahr 1909 der Junior-Gastwirt Fritz Seifert die Drei Mohren für die nächsten 10 Jahre. Ab dem Jahr 1911 wurden alle Räume des Gasthofs mit elektrischem Licht ausgestattet.

Im April 1919 hat dann Bruno Pilari als letzter Gastwirt die Drei Mohren übernommen, siehe Anzeige aus der Leipziger Volkszeitung vom 5. April 1919.
In dieser Zeit gab es offenbar immer öfter und umfangreicher Probleme mit der Verkehrs- und Feuersicherheit in den Räumen der Gastwirtschaft. Einem Gesuch vom 5. April 1922 an die Abteilung der Baupolizei beim Rat der Stadt Leipzig zum Weiterbetrieb der Saalwirtschaft wurde nach einer Inspektion durch das Feuerwehrkommando und das Elektrizitätswerk im Auftrag der Baupolizeidirektion abschlägig beschieden. In einem abschließenden Schreiben der Technischen Abteilung des Leipziger Baupolizei-Amtes vom 21. November 1919 heißt es darüber hinaus:
,,Am 22.11.22 wird bemerkt, daß der Saal als öffentlicher Versammlungsraum nicht mehr in Frage kommt, sondern industriellen Zwecken dient. [Quelle # 4]

Abschließend hier noch in einer Galerie ein paar schöne Zeitungs-Anzeigen vom Gasthof Drei Mohren:

Damit wurde der Gaststättenbetrieb in den Drei Mohren vor fast genau einhundert Jahren eingestellt.

Folge-Geschichten,
ohne Gasthaus, ohne Saal
aber vielleicht –
mit einem Happy End.

Gastbeitrag von Andreas Hönemann [mit Erwähnung Projektplan 1984 von mir]:
Nachdem die Gastwirtschaft spätestens Ende 1922 nicht mehr im Betrieb war, verschwindet auch ab dem Jahr 1928 der Haus-Name Drei Mohren aus dem Straßenverzeichnis im Leipziger Adressbuch.

Die Nutzung der Gastwirtschaftsraüme und Säle für industrielle Zwecke ist in den Adressbüchern aber erst ab dem Jahr 1926 zu finden (ab 1927 erwähnt), mit dem Erwerb der Gebäude und Nutzung durch die Graphische Kunstanstalt Glaß & Tuscher und einem weiteren Nutzer, der Buchbinderei Georg Fritzsche.
Ab 1930 ist dort auch die Verlagsbuchhandlung Wilhelm Diebener zu finden.

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Geschäftsanzeigen aus den Jahren 1932, 1940 und 1948

Um 1960 produziert in der Breiten Str. 7 die PGH Behälter-, Heizungs- u. Rohrleitungsbau und Wolfgang Günther repariert Elektromotoren.

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Anzeigen aus DDR-Fernsprechbüchern

Seit mindestens 1963 nutzt Rudolf Neumann die Räumlichkeiten zur Betten- und Bettfedernreinigung.
Von vor 1963 bis nach 1970 ist die Metallbearbeitungs KG Theilig in den Drei Mohren. Zuletzt die Verwaltung, zuvor vielleicht auch die Produktion. Der eigentliche Standort der Firma war um die Ecke in der Wurzner Straße 10. Im Zeitraum zwischen 1970 und 1974 übernahm Frank Wehmann das Betten-Fachgeschäft.

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Anzeigen aus DDR-Fernsprechbüchern

Auf einem Projektplan zur Umgestaltung der Leipziger Ostvorstadt aus dem Jahr 1984 waren, wie nebenstehend zu erkennen, noch die Grundstrukturen der früheren Gebäudeteile der Drei Mohren zu erkennen. Von dem beim Bombardement im Dezember 1943 abgebrannten Großen Saal waren noch Fragmente erkennbar.
Eine Sanierung dieser Gebäudeteile war aber offenbar damals nicht vorgesehen. [Quelle #5]

Die Firmen PGH Heizungs- und Rohrleitungsbau, Frank Wehmann und Wolfgang Günther waren bis nach 1988 unter der Adresse Breite Straße 7 zu finden.

mögliche Nachfolge-Geschichte
zur Folge-Geschichte

Nach der Wende sind diese oben genannten Firmen alle nach und nach vom Grundstück verschwunden und es kehrte erstmal Ruhe ein – bis zum Jahr 2013.
Dann begann die Sanierung der Vordergebäude der Breiten Str. 7 und im Rahmen eines Projekts durch das Architektenbüro Eilmann (siehe Blog-Beitrag Saxonia) wurde auch die Sanierung des denkmalsgeschützten Tanzsaalgebäudes im Innenhof, Umbau zu drei Lofthäusern (A, B, und C mit je ca. 130 m²) und Umnutzung zu Wohnzwecken in Angriff genommen. [Quelle #6]
Jedenfalls erstmal auf dem Papier. Bis zum Februar dieses Jahres (2022) konnte man die Ruinen im Hof der Breiten Str. 7 beim stetigen Verfall beobachten. Dazu ein paar Impressionen:

Ich bin ja mal gespannt, wie es dort weitergeht.


Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Adreßbücher sämmtlicher Einwohner der Vororte, der Ostvororte Leipzigs und Adreß-Bücher der Stadt Leipzig (LAB), 1880 bis 1949, online bei SLUB

Tageszeitungen:

Verweis auf Blog-Beiträge:
# Volkmarsdorfer Pflastersteine, vom März 2017 mit dem Wortlaut zur Liebesgeschichte von Gustav und Auguste aus dem Leipziger Tageblatt vom 15. September 1847.
# Kofferfabrik Saxonia (Teil 2), vom Dezember 2021

eigene Skizzen, Fotos, private Kopie Filmplakat

Quellen

Quelle #1: Leipziger Tageblatt und Anzeiger aus dem Jahr 1847, hier online bei SLUB:
# vom Sonntag, den 15. August 1847 Anzeige zum Tanz in den Drei Mohren,
# vom Montag, den 23. August 1847 mit den Witterungs-Beobachtungen der vergangenen Woche – Temperaturangaben ursprünglich in Grad Reaumur, umgerechnet in Grad Celsius – und
# vom Mittwoch den 15. September 1847, Titelblatt und Seite 2, ausführlicher Beitrag zum Tod der beiden Liebenden aus den Mittheilungen der Parochie Schönefeld von Pastor M. Volbeding

Quelle #2: Züricher Freitagszeitung, Nummer 36, 3. September 1847, Seite 2, hier online

Quelle #3: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Dreschersche Skizzenbüchersammlung, Inventar-Nr. SK/134, lfd. Nr. S0031551, vielen Dank für die Erlaubnis diese Skizze hier zu zeigen.

Quelle #4: Stadtarchiv Leipzig, Baupolizeiamt Nr. 2512: Akten, die Verkehrs- und Feuersicherheit des Vergnügungs-Etablissements ,,Drei Mohren“ zu Anger-Crottendorf, Breite Str. 7 betr.

Quelle #5: Leibnitz IRS (Erkner) / Wiss. Samml., Signatur IRS_A_05_09_28-1 (Planausschnitt Projekt 1984)

Quelle #6: Wohndomizil Drei Mohren, ein Projekt der Bauzeichen GmbH
Breite Straße 7, Leipzig, online nachzulesen und zum Orientieren

persönliche Mitteilungen

Frank Heinrich hat mit die im Abschnitt der Gastwirtschafts-Geschichten verwendeten Ansichtskartenmotive und zwei Bilder aus den 1990er Jahren Drei Mohren in der Galerie der Nachfolge-Geschichten zur Verfügung gestellt.

Andreas Hönemann hat mir berichtet, was es auf dem Gelände an der Breiten Straße im Zeitraum von 1926 bis 1988 für Firmen und Niederlassungen gab. Der Abschnitt mit den Folge-Geschichten wurde mir von ihm für die Veröffentlichung hier im Blog zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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