tachlis – Babette Zbar

Fast vergessen – Erinnerungen aus dem Leben der jüdischen Mitbürgerin
Babette Sbar vel Zbar
und ihrer Familie, die einst Besitzer des Hauses Konradstr. 37 in Leipzig-Neuschönefeld gewesen waren und auch dort gewohnt hatten.

Also dann ‚tachlis‘ – zur Sache …

Das Wort 'tachlis' stammt aus der Jiddischen Sprache und bedeutet 'zur Sache'. Dieser Wortstamm wird auch heute noch im deutschen Sprachgebrauch verwendet: tacheles reden - mit der Bedeutung offen und deutlich reden, Klartext, mit einem Sinn oder Ziel. Und genau das habe ich hier beabsichtigt.

Die heutige Geschichte handelt von

Babette Sbar vel Zbar, geb. Lübschütz

Babette Sbar vel Zbar wurde am 1. September 1888 als Babette Lübschütz in Stargard (Westpommern) geboren.
Ihr späterer Ehemann Isidor Sbar vel Zbar wurde am 12. Juni 1884 in Brody bei Lvov in der Region Galizien, das damals zur Monarchie Österreichs zählte, geboren.

Im Jahr 1914 heiratete beide und sie erhielt damit den exotisch klingenden Familiennamen Sbar vel Zbar, den ich im folgenden Text auf den Nachnamen Zbar verkürzt habe.
Über die Herkunft des Familiennamens konnte ich leider nichts ermitteln.

Mit seiner Heirat 1914 kaufte der frisch vermählte Ehemann das Emaillierwerk Seidel & Co. in Tannroda in Thüringen, in dem er bereits seit dem Jahr 1912, laut nachfolgendem Artikel aus der Keramischen Rundschau, als Geschäftsführer tätig war [Quelle #1].

Isidor Zbar diente als gebürtiger Galizier während des Ersten Weltkrieges beim Militär der K&K-Monarchie. Dabei geriet er fast über die gesamte Kriegszeit in russische Gefangenschaft.

Nach seiner Rückkehr kauften Babette und Isidor Zbar im Juli 1921 ein Grundstück im Leipziger Osten, in der Neuschönefelder Konradstraße 37. Bis 1942 waren sie hier Grundstückseigentümer. [siehe Quellen #2, #3 und #4]
Zum Haus gehörte auch die kleine Gaststätte ,,Gute Quelle“ mit dem Eingang von der Kirchstraßen-Seite [heute: Hermann-Liebmann-Straße].

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links: Das Haus Konradstr. 37 mit dem Restaurant ,,Gute Quelle“ (um 1910) und rechts: Haus-Grundriss (um 1915)

Als Gaststätten-Betreiber wohnten die Familie Zbar zuerst im Erdgeschoss. Später verpachteten sie die Gaststätte und wohnten in der ersten Etage. Sie hatten insgesamt vier Kinder:

  1. Johanna Bella, geboren am 29. August 1920,
  2. als Kleinkind an Kinderlähmumg verstorben,
  3. Julius, geboren am 8. Januar 1924 und
  4. als Kleinkind an Kinderlähmumg verstorben.

Aus dem Tätigkeitsbereich des Ingenieurs Isidor Zbar habe ich zwei interessante Patentanmeldungen aus den Jahren 1925/26 entdeckt: eine Anmeldung im Österreichischen Patentamt mit der Nummer AT50873 über ein spezielles Wasserfahrzeug und eine zweite Anmeldung eines US-Patents mit der Nummer US1586728A über ein ‚Portable electric-current-generating plant‘ – eine tragbare Stromerzeugungsanlage. [Quellen #5 und #6]

Im Jahr 1928 ist die Familie in Leipzig von der Konradstraße in die Windmühlenstraße 14 umgezogen.
Isidor Zbar erkrankte im Jahr 1930 an Lungenkrebs und verstarb im September 1931.
Die Witwe Babette Zbar wurde Mitinhaberin der Firma Opitz u. Co. , einer kleine Leihbibliothek in der Alexanderstr. 15, mit der sie sich und ihre beiden unmündigen 7 bzw. 11 Jahre jungen Kinder ernähren musste.

Mit der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 wurde das Leben besonders für jüdische Mitbürger in Deutschland schwerer bis gefährlicher. Das betraf fast alle Lebensbereiche, auch für die kleine Familie Zbar.

Im August 1934 wurde Babette Zbar wegen des ,Verdachts staatsfeindlicher Äußerungen‚ bei der Leipziger Polizei angezeigt. Laut einer Anzeige von Richard Krappe aus Wachau soll Frau Zbar folgendes geäußert haben:
,,Solange sie ihre Pfoten hochheben können und „Heil Hitler“ rufen können, geht es ihnen noch nicht dreckig genug.“
Ausgangspunkt des Streites zwischen Frau Zbar und Herrn Krappe war ein interner Handel, bei dem es um einen Streitwert von sieben Reichsmark gegangen war. Weil keine Zeugen anwesend waren und die staatsfeindliche Äußerung nicht belegt werden konnte, wurde das polizeiliche Verfahren Ende September 1934 eingestellt. Interessant in den Akten sind entlastende Aussagen von befragten Mitbürgern, die Babette Zbar in Schutz genommen hatten – mutige Leute … [Quelle #3]

Laut einem Eintrag im Grundbuch der Stadt Leipzig erwarb Babette Zbar im Jahr 1936 das Grundstück Konradstr. 37, das bis dahin noch auf ihren verstorbenen Mann eingetragen war. Dort steht:
Das Grundstück Konradstr. 37 ist nach dem Grundbucheintrage vom 20.10.1936 von Babette verw. Sbar vel Zbar geb. Lübschütz u. 2 Miteigent. zu ungeteilter Hand erworben worden. [Quelle #4]

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen über ihre Kinder Julius und Johanna Bella – ihr Sohn Julius hat später über diese Zeit geschrieben:
Ungefähr 1937 musste sie [Babette Zbar] das Geschäft in der Alexanderstraße aufgeben, da die Nazis nicht erlaubten, dass Juden sich mit Handel von Kultur beschäftigen. Sie setzten einen Parteigenossen als Treuhänder in den Laden.
Meine Mutter ging in die Synagoge in der Gottschedstraße (die abgebrannt wurde), aber ich ging nicht oft mit, nur zu Jom Kippur und Neujahr. Ich habe die Bar Mizwa in dieser Synagoge gemacht. Die Feier machten wir mit den Kameraden vom Bund zu Hause.
Meine Mutter hatte sehr viele nichtjüdische Bekannte, die bei uns aus- und eingingen. Viele hatten persönliche Probleme, aber meine Mutter hatte für sie alle ein gutes Wort.

Als einziger Jude zwischen 400 Kindern hatte ich in der Schule [58. Volksschule in Leipzig] keine Probleme, da ich immer ein Kopf größer als alle anderen war (180 cm). Die Lehrer waren alle sehr loyal und korrekt. Nicht alle waren Nazis.
Der erste Schlag, den ich vom Naziregime bekam, war und ist, dass ich mit 14 Jahren aus dem Schulsystem geworfen wurde und keinen richtigen Beruf erlernen konnte.
Nach Verlassen der Volksschule arbeitete ich als Lehrling beim Elektroinstallateur Muscatblatt.
Diese Arbeit machte ich bis zum 7. März 1939, als ich dann nach Palästina abfuhr. Ich war 15 Jahre und zwei Monate alt.
Mein Weg nach Palästina verlief glatt. Von Leipzig bis Triest mit der Bahn, dann vier Tage an Bord der Galila bis Haifa. Von Haifa sind wir mit einem Lastauto des Kibbuz nach Mischmarot abgeholt worden. Am dritten Tage bekamen wir eine Hacke (turia) in die Hand und begannen die Zitrusbäume zu bearbeiten.

Meine Schwester [Johanna Bella] lernte am Gymnasium in der König-Albert-Straße, wo die Pleiße fließt, nicht weit von der Nordstraße entfernt, die als Judenviertel bekannt war. Sie musste dann auch wegen des numerus clausus das Gymnasium verlassen und ging in eine Strickfabrik arbeiten, bis sie zum Vorbereitungslager ging.
Meine Schwester ging auf ein Vorbereitungslager bei Berlin. 1940 schickte man sie für eine illegale Einwanderung auf die Reise nach Palästina. Über Monate war sie unterwegs und wochenlang auf einem Schiff, bis sie im Herbst 1940 in Palästina ankam.
[Quellen #2 und #9]

Daraus wird ersichtlich, dass Babette Zbar zwar ihre Kinder in Sicherheit bringen konnte, ihr war das aber nicht möglich. Wie aus der folgenden Aufstellung von Einträgen im Leipziger Adressbuch ersichtlich wird, musste sie im Jahr 1941 die Verwaltung des Hauses in der Konradstr. 37 an die Grund- und Hypothekenbank Leipzig abgeben und wurde im Oktober 1942 schließlich enteignet:

Mit Schreiben vom 19. Mai 1942 hat der Oberfinanzpräsident Leipzig mitgeteilt, daß das Vermögen der Jüdin Babette Sbar und ihrer Kinder Bella und Julius Sbar aufgrund der II. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 dem Deutschen Reich verfallen ist und wir mit der Verwaltung des Grundstücks Leipzig O5, Konradstr. 37 beauftragt wurden.
Heil Hitler !
Grund- und Hypothekenbank Aktiengesellschaft
[Quelle #4]

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Eintragungen zum Haus Konradstr. 37 im LAB der Jahre 1927, 1942 und 1943

Sie musste Ende des Jahres 1941 in ein Judenhaus in der Michaelisstraße 3 umziehen und wurde am 21. Januar 1942 mit einem Transport von 785 Juden, davon 561 aus Leipzig, nach Riga deportiert. In der Transportliste ist auch Babette Zbar namentlich (mit einem Anwesenheitshaken versehen) aufgeführt [Quellen #7 und #8]:

Nr. 543,  Zbar geb. Leibschütz, Babette Michaelisstr. 3, geb. 1.9.88, Stargard/Pomm.

Das war die traurige letzte namentliche Erwähnung von Babette Zbar, sie gilt seitdem als verschollen.

Aktuelles

An der Straßenecke Konrad./ Liebmannstr. im Leipziger Osten sind heute nur noch wenige Häuser zu sehen – auch auf dem Grundstück des einstigen Hauses Konradstr. 37 befindet sich eine Freifläche – etwa in der Mitte der folgenden Panoramaaufnahme (Blick nach Westen):

Links ist der frühere Anbau des Fabrikgebäudes der Fa. J.G. Schöne & Sohn aus den Jahren 1870 bzw. 1890 zu sehen, die heute fälschlich als Wagenhalle der Automobilfirma Karl Wirth bezeichnet werden. Aber – siehe Blog-Beitrag ,,Schöne Fragmente“ .

Nachbemerkung:

Wie ich zum Thema gekommen bin: Bei den Umfeld-Recherchen zum heutigen Rest der Fabrikgebäude an der Ecke Konrad-/ Hermann-Liebmann-Str. (Blog-Beitrag Schöne Fragmente) habe ich auch die Vorgeschichte der Eckgrundstücke Konradstr. 37 und Hermann-Liebmann-Str. 76 mit betrachtet. Dabei fiel mir auf, dass in den ,,goldenen" 1920er Jahren im Eckgrundstück Konradstr. 37 in den Leipziger Adressbüchern ein Hausbesitzer mit dem exotischen Namen Sbar vel Zbar genannt wurde. Das wollte ich mir mal etwas genauer ansehen.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Leipziger Adressbuch (LAB) der Jahre 1920 bis 1943, online bei der SLUB Dresden

Wikipedia: Liste deutscher Wörter aus dem Hebräischen und Jiddischen, online

Stadtplan aus dem Jahr 1929, Ausschnitte Leipzig-Ost, Skizzen zum Grundstück Konradstr. 37 und aktuelles Foto aus eigenem Bestand

aktueller Stadtplan-Ausschnitt aus OpenStreetMap, online

Unterlagen aus den Recherchen zum Blog-Beitrag Schöne Fragmente, aus dem Zeitraum Oktober 2021 bis März 2022
Blog-Beitrag Schalom-Eisenbahnstraße vom Juli 2021 über das jüdische Leben in der Leipziger Eisenbahnstraße der 1930er Jahre

Quellen

Quelle #1: Keramische Rundschau, 20. Jahrg. 1912. S. 216/217. Nr. 20, Emaille Industrie, Handelsregister-Eintragungen Seidel & Co., Kunst-Emaillierwerk, G. m. b. H.

Quelle #2: Geteilte Erinnerungen – Jugend in Leipzig unterm Hakenkreuz : Schüler fragen, Zeitzeugen berichten, 2006, S. 129 ff Briefwechsel Jizchak Zabar, Israel / Luise Fuchs, Wir glaubten, treue deutsche Staatsbürger zu sein

Quelle #3: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Bestandssignatur 20031, Polizeipräsidium Leipzig Archivaliensignatur PP-S 7006: Akten zu Zbar, Babette geb. Lübschütz wegen Verdachts staatsfeindlicher Äußerungen

Quelle #4: Stadtarchiv Leipzig, Bau Akt Nr. 8792 zur Konradstr. 37

Quelle #5: Österreichisches Patentamt, AT AT50873B Isidor Sbar Vel Zbar, Wasserfahrzeug

Quelle #6: US-Patentamt US1586728A – Portable electric-current-generating plant I. ZBAR. PORTABLE ELECTRIC CURRENT, GENERATING PLANT. ISIDOR. ZBAR, OF LEEPZIC-NEUSCHONEFELD, GERMANY, 1926-06-01

Quelle #7: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich
Deportationlisten – Liste vom 21. Januar 1942 (Leipzig – Riga, Nr. 543), online Liste

Quelle #8: Buch der Erinnerung: Die ins Baltikum deportierten …, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., ‎Riga-Komitee der deutschen Städte, ‎Wolfgang Scheffler · 2011, Seite 828: Zbar (Sbar), Babette

Quelle #9: Holocaust Survivors and Victims Database, Nr. Sber Vel Zbar, Johanna Bella Sara

persönliche Mitteilungen und Genehmigungen

Die Kopie der Ansichtskarte vom Restaurant ,,Gute Quelle“ wurde mir von Frank Heinrich zur Verfügung gestellt – vielen Dank für deren Nutzung hier im Beitrag!

Zum verwendeten Passbild von Babette Sbar vel Zbar, aus der Akte mit der Signatur 20031 vom Polizeipräsidium Leipzig, PP-S 7006, Blatt 5, Seite 2, gemäß Schreiben/Antrag vom 30.03.2022, liegt eine Genehmigung zur Nutzung vom Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig vor.

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