Kofferfabrik Saxonia – Teil 1

In einem Hofbereich zwischen dem Rabetpark und der Kohlgartenstraße im Leipziger Osten seht ihr heute ein schmuck saniertes altes Fabrikgebäude.
Am alten Treppenhaus prangt die Aufschrift ,,Kofferfabrik Saxonia“, siehe Bild rechts.
Die goldgelben Fassaden, das abgeschlossenen Areal und die herrschaftlich wirkende Auffahrt sieht auf den ersten Blick schon fast märchenhaft aus.
Dort werde ich in zwei folgenden Beiträgen mal über’n Zaun schaun …

Was hat es denn nun mit dieser Kofferfabrik Saxonia in der früheren Reudnitzer Margaretenstraße auf sich?

Im Leipziger Adreß-Buch (LAB) des Jahres 1905 habe ich zufällig nebenstehenden Eintrag entdeckt.
Den schaun wir uns jetzt etwas genauer an:
– die eigentliche Kofferfabrik wurde bereits im Jahr 1879 gegründet und
– der Gründer war ein Paul Krenkel,
– diese Firma befand sich im Jahr 1904 in der Reudnitzer Margaretenstr. 6 und
– der Inhaber war zu dieser Zeit Arno Mühlig.

Anmerkung: die Leipziger Adressbücher wurden jeweils mit Bezug auf das Folgejahr zusammengestellt – die Jahreszahl 1905 bedeutet demnach, dass die Eintragungen (einschließlich möglicher Nachträge) im Herbst des Jahres 1904 abgeschlossen wurden.

Im Folgenden soll ein erster kleiner Exkurs zeigen, was sich in alten Zeitungen, Adressbüchern und Firmenakten über Koffer und diese Kofferfabrik finden läßt.
Beginnen wir mit dem Firmengründer …

Paul Krenkel

Ernst Paul Krenkel wird in den Leipziger Adressbüchern im Jahr 1880 erstmalig erwähnt. Dieser Eintrag erfolgte wie untenstehend (links) zu sehen ist unter dem Firmennamen Krenkel und Schumann. Dabei handelt es sich offenbar um eine im Verlauf des Jahres 1879 gegründete neuen Firma in der Leipziger Petersstraße. Sie befasste sich mit Fertigung und Vertrieb von Reise- und Jagd-Artikeln. Und ich gehe davon aus, dass der 27 jährige Paul Krenkel in dieser Firma der Juniorpartner war.

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Bereits zwei Jahre später ändern sich der Firmenname in Krenkel und Huscher, der Firmensitz befindet sich im Peterssteinweg und im Firmenportfolio taucht mit der Bezeichnung Reise- und Muster-Koffer-Fabrik erstmalig der Begriff der Kofferfabrik auf. Im Adressbuch des Jahres 1883 werden nur noch der Kofferfabrikant Paul Krenkel und ab 1884 als Geschäftsanschrift die Leipziger Petersstraße (verschiedene Hausnummern) genannt. [Quelle #1]

Unter einem Reisekoffer wurde im Gegensatz zur flachen, eleganten Ausführung von heute, damals mehr eine robustere, voluminöse und schwere Reisetruhe verstanden, wie folgende Bilder aus dem Leipziger Geschäfts-Adressbuch [Quelle #2] und von Details eines Koffers der Fa. Paul Krenkel aus den 1890er Jahren zeigen:

Der Kofferfabrikant Paul Krenkel hat sich in den 1880er und zu Beginn der 1890er Jahre auch mit neuen Ideen zu anspruchsvolleren, leichten und trotzdem stabilen Koffermaterialien und neuen Anwendungen beschäftigt, wie nachfolgende Gebrauchsmuster- und Patentanmeldungen zeigen:

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[Quelle #3]

Insbesondere ein sogenannter ,,Rettungskoffer“ war sogar international seinerzeit ein beliebtes Thema, links US-Patent zum ‚Life-Preserving Trunk‘ und rechts im Bild der Universal-Reise-Schiffs- und Rettungskoffer. Ob man in den Rettungskoffer wirklich ,,einsteigen“ konnte, bleibt aus meiner Sicht der Fantasie der Anzeigengestalter überlassen. [Quellen #4 und #5]

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Im Verlauf des Jahres 1891 expandierte die Kofferfirma und der Firmenstandort wurde aus der Innenstadt-Lage in der Petersstraße in die Leipziger Südvorstadt verlegt, in die Bayersche Str. 81 (heutige Straßenbezeichnung: Arthur-Hoffmann-Str.).

Paul Krenkel war häufig auf ,,Dienstreisen“ zum Ausbau bestehender und Aufbau neuer Handelsaktivitäten unterwegs. Am 27. Juni 1892 verunglückte Paul Krenkel während einer Geschäfts-Rückreise von Hamburg nach Leipzig. In der Leipziger Tageszeitung konnte man folgendes über dieses tragische tödliche Unglück lesen:

Leipzig, 28. Juni. In den in vergangener Nacht 1/2 12 Uhr auf dem Magdeburger Bahnhofe eingelaufenen Schnellzug waren in Hamburg zwei Herren, ein hiesiger Kofferfabrikant und ein in Eutritzsch wohnhafter Lithograph, gestiegen und zwar hatten die beiden in einem Coupé 3. Classe Platz genommen. Sie waren alsbald eingeschlafen und noch auf der Station Cöthen seitens der Bahnbeamten schlafend angetroffen worden. Als dann der Zug auf dem Bahnhofe in Halle eingefahren war, war die Thür des von den Beiden benutzten Coupés offen gefunden und nur noch einer von ihnen, und zwar der Lithograph, fest schlafend darin bemerkt, der Andere aber vermißt worden. Wie alsbald gemeldet wurde, war inzwischen des letzteren Leichnam auf der Station Niemegk [richtig wäre: Niemberg], auf den Gleisen liegend, zerstückelt aufgefunden worden. Vermuthlich hat der Unglückliche in schlaftrunkenem Zustande die Coupéthür geöffnet und ist hinausgetreten, dabei aber hinabgestürzt, unter die Räder des Zugs gekommen und getödtet worden. [Quelle #6]

Paul Krenkel verstarb im Alter von 40 Jahren. Seine Frau versuchte, wie nebenstehender Anzeige zu entnehmen, das Geschäft weiterzuführen. Sie musste aber bald auf professionelle Hilfe zurückgreifen.
Das geschah im Oktober 1892, als ein bis dato als Prokurist bei der Lindenauer Firma Tränkner & Würkner beschäftigter Kaufmann laut Eintrag im Handelsregister am Amtsgericht Leipzig der Inhaber der Kofferfabrik Paul Krenkel wurde. [Quelle #7]
Sein Name war …

Arno Mühlig

Wie nebenstehender Eintrag im Adressbuch zeigt, wurde die Fabrik auch in den folgenden zehn Jahren vom neuen Eigentümer unter dem bewährten Namen Kofferfabrik Paul Krenkel fortgeführt. Die Fabrik hatte sich bis zum Jahr 1895 auf zwei Etagen in der Bayerschen Str. 81 vergrößert, betrieb eine eigene Dampfmaschine mit 3 PS und beschäftigte inzwischen 17 Arbeiter. [Quelle #8]
Ab April 1899 zog die Firma vom kleineren Flügelgebäude in der Bayerschen Str. (neue Hausnummer) 77 in ein größeres Hintergebäude in der naheliegende Elisenstr. 85 um (heutige Straßenbezeichnung: Bernhard-Göring-Str.). Dort war auch genug Platz, um weiter zu expandieren.

Bemerkenswert finde ich ein Reklameplakat des Leipziger Künstlers und Gebrauchsgrafikers Mathieu Molitor (1873 – 1929) aus dem Jahr 1903. Dieses hier rechts abgebildete Plakat entstammt einer Auftragsarbeit für die Leipziger Kofferfabrik Paul Krenkel und gehört heute zum Fundus des Museums für bildende Künste in Leipzig. In einer Dissertation aus dem Jahr 2015 schreibt Birgit Hartung darüber folgendes:

Die Leipziger Firma Paul Krenkel, spezialisiert auf Überseekoffer, warb für ihre kompakten, aus Rohrgeflecht hergestellten Schrankkoffer, die besonders „leicht, stark und haltbar“ waren.
Auch in der Werbung blieb Molitor – ähnlich wie bei den Entwürfen für Bucheinbände – meist eng am Inhalt. So verbildlichte er die „Leichtigkeit“ indem er den Koffer buchstäblich fliegen läßt. Auf der darunterliegenden Landzunge zeigt sich in einem Bahnhof, zu dem Gleise durch einen Tunnel führen, auch der Zweck eines Koffers: das Reisen. Die für die Werbung wichtigen Kriterien: schnell zu erfassender Inhalt, leicht verständlich illustriert, großer Firmenname und „plakatives“, gern reißerisches Äußeres werden von ihm vollständig erfüllt.
[Quelle #9]

Für das Jahr 1903 möchte ich an dieser Stellen noch auf zwei Firmen-Ereignisse aufmerksam machen.

Wie man den Firmenakten entnehmen kann, wurde ab Juni 1903 als Vertreter von Arno Mühlig und Prokurist der Kaufmann Julius Böhmländer eingestellt und ab dem 22. Juli 1903 wurde der Namen der Firma in Kofferfabrik Saxonia Paul Krenkel geändert. [Quelle #7]

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Ab dem 3. Dezember des Jahres 1904 scheidet Arno Mühlig aus der Firma aus und neuer Inhaber wird mit gleichem Datum der bisherige Prokurist …

Julius Böhmländer

Die Firma hieß zukünftig Kofferfabrik Saxonia Julius Böhmländer. Ein neuer Firmenname am gleichen Standort in der Leipziger Südvorstadt.

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Ausschnitt links: Leipziger Tageblatt und Anzeiger aus dem Jahr 1904 / rechts: Werbeanzeige 1911

Die Kofferfabrik Saxonia Julius Böhmländer war in der Elisenstraße 85 bis zur Löschung im Handelsregister am 21. November 1930 nachweisbar.

Die früheren Firmengebäude an der Bayerschen /Bayrischen Str. bzw. der Elisenstr. im Leipziger Süden wurden im 2. Weltkrieg größtenteils zerstört und noch bestehende Ruinen später abgerissen. Diese Fläche wurde in den 1950er Jahren neu bebaut.

Fazit

Die Leipziger Firma mit der Bezeichnung Kofferfabrik Saxonia und ihre unmittelbaren Vorgängerfirmen waren laut den Angaben in alten Leipziger Geschäfts-Adressbüchern, den namentlichen Eintragungen in den Leipziger Adressbüchern der Jahre 1880 bis 1928 und in den Firmenakten und Handelsregister-Eintragungen am Amtsgericht Leipzig immer in der Leipziger Innenstadt oder in der Südvorstadt ansässig.

Ein direkter Bezug zu einem Firmensitz in der Reudnitzer Margaretenstraße konnte nicht nachgewiesen werden. Aber die Frage bleibt: wie verhält es sich eigentlich mit dem alten Fabrikgebäude im Hinterhof an der Margaretenstraße?
Dem möchte ich im Teil 2 dieser Geschichte nachgehen …


Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Stadtpläne, Karten und Fotos aus meinem Archiv

Recherchen in den Beständen Sächsischen Landes und Universitätsbibliothek Dresden (online) in Leipziger Adressbüchern und Tageszeitungen, z. B. Leipziger Tageblatt und Anzeiger der Jahre 1892, 1903 und 1904

Quellen

Quelle #1: Leipziger Adreß-Bücher (LAB) der Jahre 1879 bis 1903, online bei der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek (SLUB) Dresden

Quelle #2: Geschäfts-Adreßbuch von der Kreishauptmannschaft Leipzig, Leipzig 1891, Anzeige S. 69 Paul Krenkel, Reisekoffer

Quelle #3: Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 25. April 1892 zu Krenkel-Gebrauchsmuster und vom 22. Januar 1892 zum Krenkel-Patent (Rettungskoffer)

Quelle #4: aus Official Gazette of the United States Patent Office, Band 62, March 28, 1893, S.1314, 492,688 Paul Krenkel – Life-Preserving Trunk (May 18, 1892), darin heißt es:
A combined life preserver and trunk consisting of a shell, openings in the upper und lower faces of the shell, and collapsible tubing secured to the edge of one of said openings and arranged to extend through the shell and be secured to the edge of the opposite opening, in the manner and for the purpose set forth.
[Übersetzung:] Ein kombinierter Rettungsring und Koffer, bestehend aus einer Hülle, Öffnungen in der Ober- und Unterseite der Hülle und einem zusammenklappbaren Schlauch, der an der Kante einer der Öffnungen befestigt und so angeordnet ist, dass sie sich durch die Hülle erstreckt und an der Kante der gegenüberliegenden befestigt wird Öffnung, in der angegebenen Weise und zum angegebenen Zweck.

Quelle #5: Wiener Caricaturen, Sonntag, 4. September 1892, Seite 7 Anzeige zum Rettungskoffer von Paul Krenkel

Quelle #6: Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 28. Juni 1892 (Abendausgabe), Seite 5 und vom 3. Juli 1892, Seite 24, Unglück und Anzeige Anna Krenkel

Quelle #7: Sächsisches Staatsarchiv, Leipzig, Amtsgericht Leipzig, Handelsregister-Einträge und Firmenakten zur Kofferfabrik Saxonia, Nr. 29879 Fol. 8298: Paul Krenkel, Julius Böhmländer

Quelle #8: Adressbuch der industriellen Firmen von Leipzig und Umgegend, Leipzig, Verlag von Carl Jacobsen, 1895, Seite 64, Kofferfabrik Paul Krenkel

Quelle #9: Birgit Hartung: Mathieu Molitor (1873 – 1929) – Ein Künstler in Leipzig nach 1900, DISSERTATION Universität Leipzig, Gutachter: Thomas Topftstedt, Michael Wiemers, Tag der Verteidigung: Leipzig, den 27.01.2015

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