Rauhnacht-Gedanken (1)

Bekanntlich sind viele der früheren Orte und Ortsteile im Leipziger Osten schon über 700 Jahre alt, zum Beispiel:
Volkmarsdorf wurde im Jahr 1270/71 und
Reudnitz bereits im Jahr 1248 erstmals erwähnt. Diese fiktive Zeitangabe beantwortet aber nicht die ursächliche Frage:
seit wann und wo genau siedelten hier die ersten Kolonisten?
Speziell zur Siedlungsgeschichte von Volkmarsdorf und Reudnitz gibt es heute kaum gesicherte Veröffentlichungen. Das Verknüpfen so widersprüchlich erscheinender Begriffe wie Realität und Fantasie könnte aber manchmal hilfreich sein und zu besseren Einblicken führen.
Folgt mir doch mal ein Stück in die Geschichte …


Vorbemerkungen

Bevor ich mit dem kurzen Zweiteiler über die Ortsgründungen von Volkmarsdorf und Reudnitz beginne, möchte kurz zwei Statements zur Realität der Siedlungsgeschichte und zu den fantastischen Rauhnächten voranstellen:

  1. Die reale, auf Fakten beruhende Erforschung der Siedlungsgeschichte im Leipziger Raum ist laut dem Standardwerk zur landeskundlichen Bestandsaufnahme eine schwierige Sache:
    ,,Für keinen Abschnitt sächsischer Geschichte gibt es größeren Klärungsbedarf wie für denjenigen zwischen der slawischen Landnahme und der Herausbildung der bis heute ablesbaren Siedlungsstruktur.“ [Quelle #1, S. 60]
    Kurz gesagt: wir wissen, dass wir nichts wissen!
  2. Aber vielleicht gelingt es das Ganze mit etwas Fantasie anzuregen?
    Zeitgemäß spricht man zum Jahresende auch heute noch von den Rauhnächten – gemeint sind die 12 Tage, die in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember beginnen und mit dem Dreikönigstag enden. Laut alter Überlieferung öffnen sich in diesen Rauhnächten die Tore zur fantastischen ,,Anderswelt“…

Der Verknüpfung von nüchtern sachlicher Standard-Recherche mit etwas freier Interpretation und Fantasie möchte ich im Folgenden einmal nachgehen, zunächst zu …

1. Volkmarsdorf

Die Ortsbezeichnung Volkmarsdorf (als Dorf eines Volkwart, Volkmar) läßt zunächst eine deutsche Ortsgründung vermuten.
Im Standardwerk zur landeskundlichen Bestandsaufnahme heißt es zu Volkmarsdorf:
,,Mit einer Fläche von 1,0 km² schließt sich der heutige Ortsteil im W[esten] unmittelbar an Neustadt-Neuschönefeld an. Zum Zeitpunkt der Ersterwähnung (1270/71 Volcwartisdorf, Volquardstorf) befand sich das Dorf im Eigentum des Bischofs von Merseburg. 1349 wird ein allodium (Vorwerk) im Besitz des Ritters Otto Pflugk erwähnt, 1363 ein Rittergut am Ende der Bergstraße. …
Volkmarsdorf … ist eine jüngere Gründung, eine Gutssiedlung mit angerartiger Aufweitung für bäuerliche Höfe (Kohlgärtner).“
[Quelle #1, S. 269]

Die Kartenskizze rechts zeigt die Lage von Volkmarsdorf zu Beginn des 19. Jahrhunderts am heute nicht mehr sichtbaren Flüßchen Rietzschke. Sie bildete die südliche und östliche natürliche Grenze zu den Nachbarorten Reudnitz und Anger.
Volkmarsdorf lag damals im Wesentlichen an einer langgestreckten Hauptstraße (heute: im Verlauf der Liebmannstraße) und zwei kleineren Seitenstraßen, eine zu den Rabeth-Häusern (heute: Rabet) und eine andere im unteren Ortsteil zur Rietzschke hin verlaufend (heute: Marcusgasse).
Das Berggut (rot eingefärbte Häuser) lag auf einem kleinen Hügel (daher die Bezeichnung ,Berg‘) und bildete den Mittelpunkt des damaligen Dorfes.
Im südöstlichen Bereich bemerkenswert: die Landstraße nach Wurzen (damals: Dresdener Chaussee – heute im Verlauf der Wurzener Straße).

Hierzu von mir drei Anmerkungen:
1. Heute etwas verwirrend: Das eigentlichen historische Ortsgebiet von Volkmarsdorf, um das Berggut, lag nicht im genannten heutigen Ortsteil Volkmarsdorf, sondern im heutigen Ortsteil Neustadt-Neuschönefeld.
Das Durcheinander historischer Bezüge hängt aber in erster Linie mit dem verwaltungs-technischen Neuzuschnitt der Leipziger Ortsteile im Jahr 1992 zusammen. Damals wurden die historischen Gemeindegrenzen von Reudniz und Volkmarsdorf nur unzureichend berücksichtigt.
2. Alte Siedlungsspuren sind im Bereich des historischen Volkmarsdorfs in Folge der dichten und vollständigen Bebauung des Areals seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr nachweisbar. Deshalb gibt in der Literatur nur wenige aktuelle Hinweise auf die frühe Besiedlung [Quelle #1, z.B. slawischer Siedlungsfund bei Volkmarsdorf, S. 61].
3. Kleine Korrektur: der heutige Ortsteil Volkmarsdorf liegt nicht im Westen, sondern im Osten von Neustadt-Neuschönefeld [da hatte der Verfasser offenbar Osten und Westen verwechselt, kann ja mal vorkommen 😉 …]

Soweit zur heute nachgewiesenen frühen Ortsgeschichte von Volkmarsdorf.
Ist das aber wirklich schon alles?

Fund 1: Im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 26. Juli 1901, habe ich einen interessanten Beitrag zur Volkmarsdorfer Ortsgeschichte entdeckt. Er wurde von Oswald Voigt verfasst, der damals als Lehrer an der 10. Bürgerschule in der Konradstraße 67/ 69 in Volkmarsdorf unterrichtete. Er schreibt in einem zweiteiligen Artikel zur Geschichte von Volkmarsdorf:

,,Bis zum Jahre 1862 bestand Volkmarsdorf aus der Hauptstraße, der Schulstraße, dem Rabeth und einem geschlossenem Ortstheile, den man ,,an der Rietzschke“ bezeichnete. Seiner Bauart nach muss man den Ortstheil ,,an der Rietzschke“ als den ältesten Bestandtheil des vormaligen Dorfes Volkmarsdorf ansehen. Hufeisenförmig war seine Anlage, die Rückseite lehnte sich an die Rietzschke an, nach Osten hin führte ein einziger Ausgang. Dieser Häusercomplex war also der Typus einer wendischen Dorfanlage.“ [Quelle #2]

Wie könnte man sich das vorstellen? Auf der folgenden Kartenskizze (links) habe ich dieses vermutliche alte Siedlungsgebiet ,,An der Rietzschke“ als südöstlicher Teil des alten Volkmarsdorfs dargestellt. Auf der zugrunde liegenden Flurkarte aus dem Jahr 1875 sind mit den Flurstücken 61 bis 77 noch als kreisförmig angeordnete Hofstrukturen im Bereich zwischen der heutigen Wurzener Straße / Liebmannstraße und der Marcusgasse erkennbar. Das könnte eine frühere slawische (wendische) Dorfanlage mit einem kleinen Platz an der Hauptstraße gewesen sein, die später am Fuße des oben genannten Vorwerks des Ritters Otto Pflugk lag.

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Fund 2: In der Bibliothek des Stadtgeschichtlichen Museums zu Leipzig liegt ein Skizzenbuch des Malers Georg Drescher, der im Jahr 1888 auch diesen Bereich von Volkmarsdorf – an der Rietzschke gezeichnet hat [Quelle #3].
Die Bleistift-Zeichnung (rechts) wurde mit Blick nach Nordwesten in Richtung der Hauptstraße angefertigt. Nach links verlief damals die Straße ,,An der Rietzschke“: Grundstücke mit der Flur-Nr. 59, 61 und 62 (von rechts nach links). Links hinter dem Zaun ist ein Gebäudeteil vom Grundstück mit der Flur-Nr. 71 zu sehen. Auf dieser Zeichnung vom Ende der 1880er Jahre ist die begrenzte dörfliche Struktur in diesem Teil des alten Volkmarsdorf noch gut erkennbar.

Unklar: Zu Siedlungs-Zeitraum und zur Bezeichnung der frühen Siedlung habe ich noch nichts ermitteln können. Vielleicht kann mir da jemand was mitteilen? Bitte um Rückmeldung.

Soviel zu Volkmarsdorf, einer vermutlich slawischen Ursprungs-Siedlung mit einem deutschen Namen.

Im nächsten Beitrag soll es um das alte Reudnitz gehen und das ist, soweit kann ich schon vorgreifen, noch verzwickter als die Volkmarsdorfer Dorfgeschichte …


Literatur- und Quellenverzeichnis:

  • Quelle #1: Vera Denzer, Andreas Dix, Haik Thomas Porada (Hg.): Leipzig. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Leipzig. Böhlau: Köln/Weimar/Wien 2015, siehe: Abschnitt Ur- und Frühgeschichte (S. 55ff), Einzeldarstellungen F2 Volkmarsdorf (S. 269ff), F3 Anger-Crottendorf (S. 272ff) und G1 Reudnitz
  • Quelle #2: Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 26. Juli 1901, S. 12, Oswald Voigt: Volkmarsdorf, online SLUB Dresden
  • Quelle #3: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Mediathek, Bleistift-Skizze von Georg Drescher: Am Berge Volkmarsdorf, Abend, 2.6.1888 – SGM Objekt-Nr. GR001353 – vielen Dank für die Nutzungsrechte dieses Bildes!
  • das Bild mit dem Straßenschild ,,An der Rietzschke“ [heute: Marcusgasse] hat mir Bert Hähne zur Verfügung gestellt – vielen Dank!
  • Stadtpläne, Kartenausschnitte, Skizzen und Fotos aus meinem Bestand
  • eigene Blogbeiträge zur Geschichte von Volkmarsdorf:
    Partie am Rathaus in Volkmarsdorf (Teil 3) vom April 2020 und
    speziell zum Rietzschketal vom Oktober 2015

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