Schalom – Eisenbahnstraße

Das Wort Schalom kommt aus dem Hebräischen und bedeutet zunächst Unversehrtheit und Heil, aber auch Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit, Frieden und Ruhe, und es ist eine der verbreitetsten Grußformeln in Israel.

Im Folgenden möchte ich versuchen über Quellen und Belege zum jüdischen Leben in der Leipziger Eisenbahnstraße der 1930er Jahre zu berichten und damit auch einen Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur zu leisten.
Bitte hier –>

Vorbemerkungen

Wusstet Ihr, dass die beiden Grußformeln aus der jüdischen und arabischen Welt Schalom [שלום] und Salām [سلام] in der Phonetik gar nicht so weit auseinander liegen und dass beide den Wunsch nach Frieden beinhalten?
Ich meine, dass das doch ein guter Ansatz überhaupt und auch Tenor meiner Grundeinstellung ist.

Heute scheint das frühere jüdische Leben in der Eisenbahnstraße im Leipziger Osten fast in Vergessenheit geraten zu sein. Kann man dazu noch Belege oder sogar Zeitzeugen finden – eine schwierige Aufgabe!

An dieser Stelle möchte ich zuerst auf das Projekt des Künstlers Gunther Demnig aufmerksam machen, der seit 1992 in vielen Orten die Idee vorangebracht hat, kleine Gedenktafeln, sogenannte Stolpersteine, zu verlegen. Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner / Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig hält. [Quelle #1]

Stolpersteine

wurden in den letzten Jahren auch in Leipzig verlegt.

Hier auf der rechten Seite eine Zusammenstellung der Stolpersteine, die bisher im Umfeld der Eisenbahnstraße verlegt worden sind.
In allen Fällen handelt es sich hierbei um jüdische Mitbürger und ihre Familien.
Die Schicksale dieser Mitbürger aus der Eisenbahnstraße wird auf der Stolperstein-Seite im Internet in kleinen Biografien wieder lebendig gemacht. [Quelle #1]
Ihr könnt sie über eine Verknüpfung im Quellen-Verzeichnis nachlesen:
* Mania und Josef Weißblüth, Samuel Hundert [Quelle #1.1]
* Sofie Schneider [Quelle #1.2]

Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, dass

1. Mania und Josef Weißblüth und Samuel Hundert nicht unmittelbar in der Eisenbahnstraße, sondern in der damaligen Melchiorstraße 12 wohnten. Diese Verbindungsstraße zwischen Eisenbahnstraße und Rabet gibt es heute nicht mehr. Deshalb hat man den Stolperstein auch nicht im Rabetpark, sondern gut sichtbar vor dem Haus Eisenbahnstraße 47 verlegt, das etwa gegenüber der früheren Straßen-Einmündung der Melchiorstraße liegt. In der unten eingefügten Karte habe ich deshalb ein zusätzliches ungerahmtes gelbes Quadrat mit einem Pfeil zum Stolperstein in der Eisenbahnstraße eingezeichnet. Die Namensfelder in der Tabelle habe ich orange eingefärbt, weil sie nicht direkt in der Eisenbahnstraße wohnten.

2. sich zum Leben von Sofie Schneider in der Leipziger Eisenbahnstraße kaum Belege finden lassen. Weder in den Leipziger Adressbüchern der Jahre 1928 bis 1940, noch im speziellen Jüdischen Adressbuch des Jahres 1933 lassen sich zum Beispiel Einträge von/über Sofie Schneider finden.
Das hängt aber sicher damit zusammen, dass in damaligen Adressbüchern prinzipiell nur die Haushaltsvorstände oder selbständige Familienmitglieder genannt wurden. Ehefrauen, weitere Familienmitglieder oder Personen aus einem Untermietverhältnis wurden in der Regel nicht erwähnt. Bei Sofie Schneider war vermutlich das Letztere der Fall.
In der Biografie kann man nachlesen, dass sich die Spur von Sofie Schneider schon Anfang des Jahres 1942 in Riga verliert. In den fraglichen Deportationslisten vom 21.01.1942 nach Riga habe ich den Namen Sofie Schneider allerdings nicht gefunden. [Quelle #1.3]
Da gibt es in der Tat noch manche Unklarheiten.

Interessant finde ich, dass die Stolpersteine auch in der OpenStreetMap-Karte als kleine Gedenkstätten gekennzeichnet und in den meisten Fällen auch mit Namen der jüdischen Mitbürger versehen wurden. Das macht zumindest ein Auffinden dieser Stolpersteine wesentlich einfacher.

Ernüchterndes Zwischenergebnis

Es gibt eigentlich bis heute nur einen Stolperstein, der sich auf das Schicksal jüdischer Mitbürger in der 2,2 Kilometer langen Leipziger Eisenbahnstraße bezieht.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das a) alles zu unseren jüdischen Mitbürgern gewesen sein sollte und dass man b) da nicht mehr ermitteln könnte …

Welche Belege und Quellen könnten da weiterhelfen – gut wäre auf jeden Fall, wenn man einen Zeitzeugen finden könnte. Deshalb im nächsten Punkt zum Thema …

Zeitzeugen

Insgesamt gibt es, außer spektakulären Zeitungs- und Zeitschriftenartikel der Neuzeit, aber nur wenige Literaturstellen, die sich ausgerechnet mit dem realen Leben in der Leipziger Eisenbahnstraße beschäftigen.
In einem Buch habe ich einen kurzen Abschnitt über traumatische Kindheitserlebnisse in der Leipziger Eisenbahnstraße zur Pogromnacht vom November des Jahres 1938 gefunden:

,,Am 9. November 1938 hat man in der Stadt und in den Außenbezirken viele dieser schönen Dinge entzweigeschlagen. Überall lagen Scherben auf der Straße von den Schaufenstern. Die Auslagen hatte man einfach auf die Straße geworfen. In die Stadt durften wir Kinder gar nicht. Aber unseren Schulweg dehnten wir aus, und konnten es nicht fassen.
In der Eisenbahnstraße fanden wir fast jedes zweite Geschäft zerstört, die schönen Spiegel in Scherben und die Drehtüren zertrümmert. …“
[Quelle #2]

Zugegeben: in dieser Textstelle wird nicht viel detailliert beschrieben oder erläutert – aber es kommt zumindest zum Ausdruck, dass es in den 1930er Jahren ein lebhaftes jüdisches Geschäftsleben in der Eisenbahnstraße gab (Textstelle: … fast jedes zweite Geschäft zerstört).

Das frühere jüdische Geschäftsleben an der Eisenbahnstraße läßt sich heute nur schwer nachvollziehen. Aber, da könnte eine Quelle Aufschluss bieten, die aus einem besonderen Kapitel der deutschen Wiedervereinigung nach dem Jahr 1990 resultiert. Damals gab es im Zusammenhang mit der Rückübertragung jüdischen Eigentums eine spezielle „Claim Conference List“ für das Territorium der früheren DDR. Dort wurden auch Rückübertragungen für Geschäfte und Immobilien in der Stadt Leipzig benannt. [Quelle #3]

Aus dieser Liste habe ich die 21 Adressen aus der Leipziger Eisenbahnstraße ermittelt und in der rechts stehenden Aufstellung tabellarisch dargestellt. Die Geschäfts- und Berufsbezeichnungen waren in den meisten Fällen in der Liste bereits enthalten. In vier Fällen konnte ich die Angaben mithilfe der Leipziger Adressbücher vervollständigen. In zwei Fällen habe ich bisher noch nichts gefunden. Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen …?

Gut, damit habe ich Euch einen kleinen Einblick über das frühere jüdische Geschäftsleben bieten können.
Es existierte!

Genauere Angaben zu den Einwohnern der Eisenbahnstraße, insbesondere Hinweise zu jüdischen Mitbürgern, könnte ich durch einen Einblick in die früheren polizeilichen Meldeunterlagen der Jahre 1938 bis 1940 erlangen. Denn: damals mussten alle jüdischen Einwohner in einer zusätzlichen Akten-Kennzeichnung mit dem Buchstaben ,,J“ versehen werden.

Die polizeilichen Meldeunterlagen vom Ende der 1930er Jahre sind im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, in der Schongauer Straße archiviert. Aber, trotz eines Antrags wurde mir aus datenschutz-technischen Gründen keine Einsicht in diese Unterlagen gewährt.

Schade – deshalb musste ich zum großen Teil auf die bereits genannten und nicht immer ganz aussagekräftigen Adressbücher zurückgreifen.

Wie schon erwähnt, wurden in den Adressbüchern nicht alle Familienmitglieder und Untermieter erfasst. Ich habe dazu wie bereits oben genannt, im Leipziger Jüdischen Jahr- und Adressbuch des Jahres 1933 [Quelle #4] und zur Überprüfung auch in den Leipziger Adressbüchern der Jahre 1928 bis 1940 [Quelle #5] recherchiert.
Insgesamt konnte ich aus den Adressbüchern 29 Namen jüdischer Haushaltsvorstände ermitteln. Im Jüdischen Adressbuch werden aber, so vermute ich, nur gläubige Gemeindemitglieder aufgeführt. Deshalb müßte man das mit den Meldeunterlagen abgleichen, aber das war nicht möglich und das hatte ich bereits erwähnt.
Auf der untenstehenden Karte habe ich die betreffenden Adressen mit gelbem Kreis und violettem Rahmen gekennzeichnet.

Aber, wie bereit angedeutet, das sind nicht nur 29 Einzelschicksale, sondern mindestens mit Frau und Kindern schätzungsweise über 100 betroffene Personen …

Zusätzlich habe ich in der Leipziger Ausgabe der Shoha und in einer Aufstellung jüdischer Synagogen und Bethäuser recherchiert.

In der Shoha werden 15 Personen genannt, die in der Eisenbahnstraße gewohnt hatten und als Juden ermordet wurden [Quellen #6]. Die betreffenden Adressen habe ich auf untenstehender Karte mit gelbem Kreis und rotem Rahmen gekennzeichnet.

Vergleicht mal beide Karten – das sieht doch auf meiner neuen Karte schon viel belebter aus. Man könnte schlussfolgern, dass sich das jüdische Leben besonders auf dem vorderen Teil der Eisenbahntrasse abspielte.

Und, die wenigsten wissen davon, auf diesem vorderen Teil der Eisenbahnstraße gab es in der Eisenbahnstraße 9 seit dem Jahr 1907 auch ein eigenes jüdisches Bethaus des israelitischen Krankenunterstützungsvereins ,,Bikur Cholim“.

Geht mal durch den Haus-Durchgang der Eisenbahnstraße 9 in den Innenhof. In der ersten Etage des Hintergebäudes befanden sich bis zum November 1938 die Räume des Bethauses Bikur Cholim.

Das Bethaus habe ich auf der Karte farblich als grünes Haus mit dem Buchstaben B (wie Bethaus oder Bikur Cholim) eingezeichnet.

Fazit

Es gab in der Eisenbahnstraße bis zum Ende der 1930er Jahre ein reges jüdisches Leben. Vieles davon ist fast vergessen und zum großen Teil unbekannt.

Deshalb werde ich versuchen, in weiteren kleinen Beiträgen zur Erinnerung an und Aufklärung über die jüdischen Mitbürgen an der Eisenbahnstraße beizutragen.


Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Wikipedia-Einträge, z.B. Schalom, Salām, Shoha

Eigener Blog-Beitrag Schweigen und Angst, vom November 2018

Quellen

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